Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 5 (25.1.1858)
- Date
- 1858-01-25
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
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60 auch oft Mangel an Innigkeit und Schwäche der Gefühle, aber, je klarer der Mensch denkt, desto mehr zerstreut sich der Irrthum, desto näher kömmt der Sieg der Wahrheit. Und brauche ich hinzudeuten auf den ungeheuren Fortschritt, den das praktische Leben durch immer mächtigere Erfindungen macht, und sich fort und fort umgestaltet, wie die Verbindung unter den Menschen wächst, und bald auß der ganzen Erve eine große Familie machen wird.... Wenn der Psalmist ausruft: NUN8N ra w-mrn „Du machst neu das Ansehen der Erde" (104.), wenn der Prophet ausruft: „flehe, ich schaffe Neues, jetzt sprießt es empor" — fie haben fürwahr! Recht, die Menschheit ist in fortschreitender Entwickelung begriffen, innerhalb aller Wiederholung des Lebens bereitet sich Neues nach Neuem; wie sich Ring an Ring legt, wird die Kette immer größer und weiter; mit Recht heißt der Monat umn, die neue Zeit, der neue Kreislauf; denn wie der Mond um die Erve läuft, aber seine Bahnen nicht dieselben sind, sondern sich nur in einander schlingen, er aber mit der Erde vorwärts um die Sonne geht, so auch in der Menschheit!.... Ist aber so die große Frage auf dem Boden der Geschichte und Erfahrung für unS entschieden, wissen wir, daß zwar das Leben, wie der Begriff ndw andeutet, sich immer wieverholt, aber in diesen Wiederholungen sich fort und fort bewegt, wie umn bezeichnet, so werden wir ihrer um so gewisser, als diese Lehre die ächt israelitische ist. Gott ist die waltende Vorsehung, spricht die Gotteslehre Jisraels, ruft uns die heilige Schrift aus jedem Worte zu. Was hätte aber die Vorsehung zu schaffen, wenn in der Menschenwelt Alles bliebe, wie es seit jeher gewesen? Diese Vorsehung führt die Menschheit zu immer größerer Vervollkommnung, lehrt die heil. Schrift schon in der Geschichte der Sündfluth, predigt uns jedes Wort der Propheten; wie konnte also der Mensch auf demselben Punkte stehen bleiben? Nein, gerade Israel ist eines der wesentlichsten Werkzeuge Gottes in diesem großen Werke, und darum ist es dem Schicksal der Völker nicht unterworfen, und ob es sich äußerlich und innerlich bald hebt, bald senkt, bald wieder hebt, besteht es immer und immer, weil das Ziel noch weit entfernt ist. Wohl, so ergeht der Ruf an uns um so mehr, nicht muffig zu sein, und unsere Aufgabe nicht aus den Augen zu verlieren, und in jedem Einzelnen mit den gewöhnlichen Lebenszwecken den hohem und höchsten Zweck des Lebens zu verbinden. Wir müssen es uns selbst sagen, wie sich für uns Sabbath an Sabbath, Mond an Mond, Jahr an Jahr reiht, wir bleiben Jeder nicht dieselben, nicht äußerlich, nicht innnerlich, wir schreiten fort im Leben, wir werden reicher an Erfahrung, weiter an Entwickelung — sei es eine Erfahrung in Weisheit, eine Entwickelung in Tugend und Frömmigkeit! Ein Jeder schaffe des Guten für sich und Andere, was er vermag — und die Zeit wird nicht ausbleiben, die der Prophet verkündet, und die wir heute ihm nachverkündet: „es wird geschehen, je Sabbath nach Sabbath, je Mond nach Mond kommt alles Fleisch anzubeten vor dem Ewigen." — Einige Fragen aus dem Gebiete der jüdischen Homiletik. II. Wir gaben im obigen Leitartikel einen Vortrag zum Sabb. Rosch chodesch, nicht allein um den Gedankeninhalt desselben unsren Lesern nahe zu bringen, sondern auch aus einer anderen Absicht, die wir -im Folgenden auseinandersetzen wollen. In No. 3. d. I. haben wir Veranlassung genommen, einige Bemerkungen über Predigt und Draschah als entgegengesetzte Vortragsweisen zu machen, den Begriff derselben aus etymologischen Motiven zu erklären, und sie auf ihren beiderseitigen Grundcharakter zurückzuführen. Wir müssen gestehen, daß uns die Resultate, während wir den Gegenstand schärfer ins Auge faßten, selbst überraschten. Man hatte neuerdings in sehr oberflächlicher Auffassung die Draschah, sobald man fie ihres pilpulistischen Unwesens entkleidete, nur als eine Art freien, sogar formlosen Vortrags, zumeist über Gegenstände aus dem Ceremonialgesetze, jedenfalls mit rabbinischer Gelehrsamkeit ausstaffirt, die in einer bunten Reihe von Talmud- und Midraschstellen bestehe, betrachtet. Die nähere Untersuchung über ihren, in ihrem Namen gegebenen Ursprung und über den eigentlichen Charakter, den sie Jahrhunderte hindurch getragen, belehrt uns eines Besseren. Wir erkannten in ihr eine eigenthümliche Vortragsform, die, wenn fie zu ihrer Einfachheit zurückgeführt und nach logischen und ästhetischen Grundsätzen behandelt wird, einer besonderen Pflege würdig ist, und sehr günstige Resultate erzielen kann. Das ist jedem erfahrenen jüdischen Redner kein Geheimniß, daß die Predigt in ihrer bestimmten ausgebildeten Form weder in unsrer Zeit, noch dem jüdischen Geiste völlig genügt. Unsre Zeit will nicht blos Gefühlserregung, sondern auch Belehrung und Ueberzeu-