Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 5 (25.1.1858)
- Date
- 1858-01-25
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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59 man sagen würde: mit Recht heißt das Jahr Ndw', denn es ist nichts als eine Wiederholung des Gewesenen, es nimmt, wie sie Alle genommen, die Jahre, die vergangen, es giebt, wie sie Alle gegeben. — — In der Erwägung des Gegentheils knüpfen wir an das Letzte an. Wie? sollten die Weissagungen der Propheten lügen, daß es anders und anders um die Menschheit werden, daß das Alte verdrängt und ein Neues geboren würde, daß da kommen werde die Zeit, wie der Prediger uns zuruft: ,,und es geschieht, von Mond zu Mond und von Schabbath zu Schabbath wird kommen alles Fleisch, anzubeten vor mir, spricht der Ewige" (Jeschaj. 66, 23.), daß kommen werde der Tag, wo „die Anerkennung des Ewigen auf der Erde einig sein werde, wie Sein Name einig ist"!? Mein, blicken wir zurück, wie sich auch die Erscheinungen im Einzelnen machen, wie sie austauchen und verschwinden, die Gotteslehre kämpft nicht umsoilst mit dem Heidenthume in den Jahrtausenden, sie verdrängt, sie besiegt es immer mehr in der freien Entwickelung der Menschheit, das gröbere Heidenthum schwindet immer mehr, das feinere Heidenthum wird immer mehr durchschaut, ob es sich wehret, ob es immer von Neuem seine Kraft sammelt, bald in Religionen, bald in philosophischen Schulen, die Geister durchzuckt der Strahl, der von oben kommt, immer heller und schneller, Lüge, Wahn, Heuchelei verlieren immer mehr ihre Macht; gerade auf dem Gebiete der Religion zeigt sich der Fortschritt der Menschheit immer deutlicher, und innerhalb der sich stets erneuenden Senkung und Hebung gewahrt man dennoch die Bewegung nach oben klar und zweifellos. — Und ja, was man auch sage, auch auf dem Gebiete der Sittlichkeit ist der Fortschritt sicher. Wollet Ihr denn darum, weil wir noch lange nicht am Ziele sind, läugnen, daß es überhaupt ein Ziel giebt? weil wir noch weit von der glühe fern sind, läugnen, daß es überhaupt eine Bewegung giebt? Lasset uns doch, Israeliten, die alten Zeugen des Herrn, zeugen. Wer vergleichet, wie wir unter den Völkern standen, und wie wir jetzt stehen, welches Joch wir trugen, und wie weit es zerbrochen worden, wie wir verfolgt wurden, und jetzt mindestens geduldet werden, kann Der läugnen, daß Gewissensfreiheit, Menschenrecht, Gerechtigkeit und Duldung unter den Menschen zugenommen? Ja, mögen in Völkern und Einzelnen dieselben Leidenschaften noch vorhanden sein, weil sie von Gott in die Natur des Menschen eingesenkt sind, die allgemeinen Grundsätze des Rechts und der Liebe haben eine allgemeinere Geltung, Anerkennung und Verwirklichung gefunden. Wo irgend ein Unrecht geschieht, erheben sich nicht hundert Stimmen dagegen? wo irgend Gewaltthat, protestiren nicht Tausende? ist der allgemeine Ruf nicht mächtig genug, jeden Kerker zu öffnen, und jedes Henkerbeil aufzuhalten? Ja, es werden noch Ketten geschmiedet, aber wird nicht mehr noch daran gefeilt, daß sie brechen? Sklaven verhandelt, aber ist der Kampf dagegen nicht jeden Tag stärker? Wir sehen täglich die Anstalten der Liebe, die Einrichtungen der Barmherzigkeit unter den Völkern wachsen, für Krankheit und Alter, für Wittwen und Waisen; wo irgend ein Unglück im Süden geschieht, im Norden steuert man zu seiner Abhülfe, und der Osten reichet dem Westen die hülsreiche Hand. Und die Pflege der Gerechtigkeit wächst von Tag zu Tag; sie hat all' die schrecklichen Werkzeuge von sich gethan, durch die sie verunstaltet war, die Folter und Marter, die Heimlichkeit und die Geißel, und ihr Strafmaß bemißt sie immer mehr nicht nach Wirkung und Anschein, sondern nach Motiv und Absicht. Fürwahr, welche auch die Schwankungen sind, die der Gang der Ereignisse mit sich bringt, die persönliche Freiheit, die Glaubensfreiheit, das Menschenrecht, die Gerechtigkeit, die Humanität und die Liebe haben große Stufen erstiegen und mächtige Herrschaft erlangt, der Fortschritt ist gewiß, es ist nicht hier geben, dort nehmen, hier steigen, dort fallen, es ist Wachslhum, dauerndes, wachsendes Wachschum — inrpn N'i und die Hoffnung der Nachwelt ist sicher!— So im Allgemeinen, und dies ist die Hauptsache. Aber auch in den einzelnen Menschen. Ja, dieselben Begierden und Lüste, Leidenschaften und Sünden sind noch da, denn sie sind mit der Natur des Menschen von Gottes Hand verbunden; und manche derselben sind jetzt verbreiteter als früher — aber ihre Gluth ist schwächer, ihr Feuer schneller verglommen, die Flammen schlagen nicht mit solcher Furchtbarkeit auf, wie ehedem, der Geist des Guten erwacht leichter, und führet schneller zurück, als in den früheren Geschlechtern, die Besserung ist möglicher, öfter, dauernder; die Leidenschaften haben sich ins Kleinlichere gewandt, und ihre Folgen sind weniger traurig, verzehrend, zerstörend. — Und soll ich erst Hinweisen auf die außerordentliche Entwickelung des Geistes? wie nicht blos die Wissenschaft täglich neue große Entdeckungen macht und immer großartiger durchgearbeitet wird, sondern wie sie sich immer weiter durch die Menschen verbreitet und in alle Classen derselben dringt; ja, es giebt keinen menschlichen Gewinn, der nicht auch seinen Verlust mit sich bringt, und die Klarheit des Denkens und der Reichthum des Wissens bewirkt 5*