Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 5 (25.1.1858)
- Date
- 1858-01-25
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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58 Untersuchen wir daher diese Frage genauer. 3«, diese großen Weltkörper, die leuchtenden und erleuchteten, gehen ewig ihre Bahnen, und wiederholen denselben Kreislauf Zeit um Zeit, so sehr, daß, so weit das, menschliche Auge dringt, wir alle diese Bewegungen im Voraus zu berechnen vermögen, auf die Stunde, auf die Minute, auf die Secunde. Und auf diesen Weltkörpern darum lebt Alles ein sich, wiederholendes Leben. Der Kreislauf der Jahreszeiten, mögen diese bald stärker, bald milder austreten, ist immer derselbe; der Kreislauf des Schaffens und Vcrzehrens derselben, und weiterhin die Geschlechter in ihrem Werden und Vergehen, sie folgen ununterbrochen auf einander, immer in derselben Weise mit Geburt, Blüthe, Reife und Tod. Und nicht minder gewahren wir dies in der Geschichte der Menschheit. Sind doch die Völker gleich einzelnen Persönlichkeiten. Sie kommen, erblühen, sterben ab in ihrer Kraft, in der Erfüllung ihrer Aufgabe, in dem Verzehren ihres Wesens, noch kurze Zeit, und sie „werden zermalmt und geworfelt, und verfliegen wie Spreu im Winde" (Jesch.). So sind sie Alle erstanden, die Nationen, die Staaten und ihre Herrscherfamilien, und Alle verfallen und verstäuben, und die Geschichte ist nur die Tafel, auf welche vergangene Herrlichkeiten verzeichnet find. Und innerhalb dieser Völker, Staaten und Herrscher sehen wir nicht immer dieselben Leidenschaften, wüthen und sie zum Zusammenstoß bringen? Ist etwa der Krieg aus ihnen geschwunden und die Jntrigue und die Eifersucht und die Begierde, über einander zu herrschen und immer größer zu werden, ja das größte, alleingebietende zu sein? haben die Staatserschütrerungen aufgehört? giebt es keine blutigen Aufstände mehr, wo der Eine die Freiheit durch scheußliche Unthaten erringen, der Andre die Herrschaft durch Vlutgewalt besiegeln zu können wähnt? Sehen wir daher nicht jeden Tag die Gestalt der Staaten und Völker sich verändern, wie sie sich von jeher veränderten? Und selbst in den Staaten, in der menschlichen Gesellschaft kommen uns nicht immer wieder die alten Erscheinungen entgegen, die sich seit Anbeginn wiederholen? Immer das Ringen der verschiedenen Stände unter einander, vorwiegende Geltung zu haben im Staate, die anderen unter sich zu halten und die Früchte ihres Fleißes zu genießen; immer dasselbe Schwanken zwischen Recht und Unrecht, zwischen Weisheit und Thorheit; heute Wuchergesetze, morgen keine; heute Schutzzölle, morgen keine; heute Schwurgerichte, morgen keine und so fort! Und im Handel und Wandel? haben es nicht unsere Tage erst aufgedeckt, wie wenig Treue und Redlichkeit da vorhanden, wie wenig Achtung vor dem Eigenthum Anderer, wie blind die Wuth, Einer dem Andern die Habe abzulisten, Reichthümer, nicht zu sammeln, sondern zu erraffen, von wannen es auch sei. Ja, das ganze wunderbare Gebäude der menschlichen Industrie, hätte es Gott nicht auf die ewig sich wiederholenden Bedürfnisse aufgerichtet, würde vor den ewig sich wiederholenden Leidenschaften der Menschen längst zusammengebrochen sein, hätte Gott dem Menschen nicht eine sich immer wieder erneuende Kraft, welche ersetzt und von Neuem schafft, eingesenkt, würde es längst zerfallen und in den Urzustand zurückgesunken sein. So aber linder in den Völkern und Staaten wie in der gewerblichen Welt immerfort eine Hebung und Senkung statt in immer wiederholten Maßen. Und blicken wir nun auf die Einzelnen. Ist eine der glühenden Begierden erloschen, welche im Kain und Lemech und Rüben, in den Einwohnern von Sedom und Zor wach waren, ist eine der Sünden ausgestorben, welche die Menschen verüben, seitdem die Pforten Edens sich hinter ihnen geschlossen? Ist Mord und Diebstahl nicht noch immer an der Tagesordnung? verschwendet die Jugend ihre Kraft nicht heute mehr denn je in Ausschweifung und Unfittlichkeit? die Habgier, hat sie sich vermindert? die Eitelkeit, ist sie weise geworden? vergällt der Neid weniger das Herz der Menschen, und haben diese die Selbstsucht als ihren Führer im Leben aufgegeben? Lasset mich all' Dies nur andeuten; aber ist es doch so weit, daß man selbst die Selbstmorde, die im Jahre geschehen, gezählt hat, und ziemlich immer dieselbe Zahl gesunden, als ob auch hier ein Gesetz der Nothwendigkeit herrsche, und die Menschen treibe, in immer wiederholter Bahn das Leben zu durchkreisen. Und selbst in der Religion, auf diesem höchsten und heiligsten Gebiete des Menschen, ringen da nicht immer noch dieselben finsteren Gewalten mit dem Lichte, das aufgegangen vor uralter Zeit? ringen nicht noch heute Unglauben mit Erkenntniß, Aberglauben mit Aufklärung, Lehre mit Leben, Gesetz mit Erfüllung? ist die Lüge besiegt, der Wahn überwunden? und wenn eine Zeit glaubensärmer, die andere glaubenswärmer ist, hat dies nicht oft genug schon gewechselt? machen sich aber nicht auch hier noch Frömmelei, Fanatismus, Verdummung, Ketzerriecherei, Glaubenszwang geltend und wirksam? Es ist der alte Kampf, der sich immer erneut. Jahrtausende sind vorübergegangen, aber würde der weise Prediger nicht noch heute ausrufen: „Was gewesen, wird sein, was geschehen, wird geschehen, es giebt nichts Neues unter der Sonne!" daß