Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 4 (18.1.1858)
- Date
- 1858-01-18
- Page
- Seite 53 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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53 Frankreich. Paris, im December. (Privatmittl).) Eine Classe von Franzosen hat ein Bedeutendes vor derselben Classe von Deutschen voraus, ich meine die schlechten Schriftsteller. Die Eleganz, welche der französischen Sprache seit Jahrhunderten eigen ist, der Esprit und leichte Witz, der sich derselben wie dem Geiste der Nation eingepstanzt, verleihen auch dem wenig talentirten Schriftsteller noch ein ziemliches Air und machen ihn genießbar; während der schlechte deutsche Schriftsteller noch um so unangenehmer und reizloser ist, je mehr die deutsche Sprache eine wirkliche Geisteshöhe verlangt, um in schönen Formen sich zu bewegen. Hierzu lassen Sie mich fügen, daß, während im wirklichen Leben Unterschiede aus confessionellen Motiven in Frankreich wenig mehr gefunden werden, und die Anstrengungen der Ultramontanen in den Jahren nach Errichtung des zweiten Kaiserchums nach dieser Richtung hin als völlig gescheitert angesehen werden können, dennoch in der ganzen Stimmung des Volkes das alte Vorurtheil gegen Juden nicht gewichen, daß im Allgemeinen der Jude den Leuten noch immer als jener Popanz erscheint, welchen das christliche Mittelalter aus dem Juden gemacht. Sie werden fragen, wie diese beiden Bemerkungen mit einander zusammenhängend Aber Nichts natürlicher. Die schlechten Scribler benutzen auch in Frankreich jenes alte Vorurtheil, um ihren wohlfeilen Witz anzubringen, und wenn man über die oft schamlose Weise, wie diese gewissenlosen Proletarier der Feder unsre Glaubensgenossen beschimpfen, Register führen wollte, es würde eine üble Arbeit sein. So brachte neulichst der „Figaro" eine Definition, was ein Jude sei? Die Antwort lautete: „Ein Jude ist, wer seinen Schuldnern beweist, daß Zwei und Zwei Fünf machen, und seinen Gläubigern, daß Zwei und Zwei Drei machen." Es wäre Thorheit, sich die Mühe nehmen zu wollen, auf alle Vorgänge in der kaufmännischen, finanziellen und amtlichen Welt seit Jahrzehenden hinzuweisen, wie viele Juden nach obiger Definition unter den Christen, und wie wenige verhältnißmäßig unter den wirklichen Juden zu finden seien. Wasche Du den Mohren weiß und reinige den GewiffenSlosen vom Judenhaß — nur eine lange Sonne der Aufklärung und Gerechtigkeit kann Beide von ihren Flecken bleichen. Man hat sich daher öfter hier gefragt, ob man dergleichen Aeußerungen enrgegentreten, oder sie stillschweigend verachten solle? Mail hat für und wider gestritten. Meine Meinung ist, man lasse die schlechten und leichtfertigen Scribler lausen, nehme aber die Aeußerungen ernster und gewiegter Männer ernst' auf, und suche sie nachdrücklich und öffentlich zu entwaffnen. DaS Vorurtheil gegen uns ist einmal ein Giftbaum, der ein Jahrtausend seine Wurzeln in den Felsengrund der „bösen Neigung des Menschenherzens" geschlagen hat; cs wird also zahlloser Artschläge bedürfen, um ihn zu fällen, oder nur zum Wanken zu bringen; sorgen wir aber, daß durch immer weitere Verbreitung guter Sitte diesen alten Wurzeln die Nahrungssäste entzogen werden. Vielleicht, daß hierdurch mehr gewirkt wird, als durch alle Hiebe der Art, weil, wenn die Wurzeln verdorren, der Baum absterben muß. Dänemark. Kopenhagen, Ende December. (Privatmitth.) Die Bemerkung ist wohl schon oft gemacht worden, je öfter und länger man in gewissen Kreisen tagt, desto trüber und finsterer wird es leider! Daß dieses mit vielen Kirchentagen, wo man sich alle Mühe giebt, das Mittelalter mit seinen fanatischen Auswüchsen und seinen hierarchischen Bestrebungen heraufzubeschwören, nicht minder der Fall ist, das ist leicht begreiflich. Einen Beweis liefert hierzu der neunte Kirchentag, der zu Stuttgart abgehalten worden und über den „die deutsche Zeitschrift für christliche Wissenschaft und christliches Leben" in den Novembernummern einen Bericht mittheilt, in welchem eS heißt, daß am vierten Tage „die socialen Schäden der ländlichen Bevölkerung und deren Heilung" an der Tagesordnung war. Der Korreferent aus Hessen, Hofcaplan Schlosser, gab ein trübes Bild über den sittlichen Zustand des hessischen Landvolks, worin er unter Anderm bemerkt: „Handel „und Wandel ist voll Betrug, grvßentheils durch „Schuko der Juden, die am Sonntag früh mit Vieh „und Frucht schachern dürfen und hin und wieder „zwei Drittel deö Bodens an sich gebracht oder in „Pfandschaft haben." Weiterhin: „Die Sonntags- „heiligung sollte nicht durch Eisenbahnertrazüge gestört „werden, noch weniger durch den Schacher der Ju- „den, denen ein Rabbiner neulich gepredigt hat, die 4 **