Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 4 (18.1.1858)
- Date
- 1858-01-18
- Page
- Seite 52 (sequence 10)
- Language
- German
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52 her im Laufe der Zeit gelingen, sich nicht nur die Liebe und Achtung unserer ganzen, wenn auch jetzt zerklüfteten Gemeinde zu gewinnen, sondern auch ihre Kräfte zu vereinigen und selbe so zu lenken, daß in ihr bald alles Löbliche und Schöne gedeihen wird. Wir wollen aber nicht mißverstanden werden — die Eperieser israelitische Gemeinde würde keineswegs mit einem Manne zufrieden sein, der den Principien des Fortschrittes abhold, an verknöcherten Satzungen und starren Observanzen sich festklammert. Er soll mit der Zeit fortschreiten und ein Förderer der Bildung und des Wissens sein, aber zugleich seine That seinem Worte anpaffen, sich zu jeder Zeit consequent bleiben und seiner Gemeinde wirklich als Muster des sittlichen Wandels dienen. Vor, hinter und neben EperieS in ziemlicher Ausdehnung herrscht noch allenthalben jene ägyptische Finsterniß, von der sogar unsere Vorfahren in Goschen verschont blieben. Auf der einen Seite Hierarchie im strengsten Sinne des Wortes, wo Jeder verflucht wird, der sein Kind Deutsch sprechen läßt; auf der anderen Chassidismus und Rebbe-Götzendienst; nach einer anderen Richtung hin die krasseste Unwissenheit und der gemeinste Materialismus, und in der Mitte dieser dichten Nebel ragt unsere Gemeinde, dem Giebel eines rings umwölkten Hügels ähnlich, gegen das klare und helle Licht der Sonne empor, und strebt, dessen wärmende Strahlen aussaugend, den engen Lichtkreis allmählig zu erweitern. Soll aber dieses Streben von Erfolg sein, so darf das geistliche Oberhaupt unserer Gemeinde sich in keiner Beziehung eine Blöße geben; der anzustellende Rabbiner muß leben wie er spricht, muß für Das, was er von der Kanzel herab verkündet, als Gewährsmann einstehen können, und deshalb im talmudischcn Gebiete tüchtig bewandert sein. Wir glauben hiermit hinlänglich angedeutet zu haben, was der hiesigen Gemeinde Noth thut; allem Anscheine nach aber wird unsere Cultusgemeinde noch ziemlich lange ohne ein geistliches Oberhaupt bleiben; denn in Ungarn giebt es äußerst wenige für diesen Posten qualificirte Individuen, und einen deutschen seiner Fähigkeit sich bewußten Theologen, oder gar einen bereits functionirenden Rabbinen werden 500 Fl. C.-M. schwerlich ködern. Auch wird das Bedürfniß eines Seelsorgers in unserer Gemeinde bei weitem nicht so stark gefühlt, als das einer israelitischen Volksschule. Viele Mitglieder unserer im Wachsthum begriffenen Gemeinde sind genöthigt, sich für ihre Kinder aus der Ferne Erzieher kommen zu lassen und solche mit ungeheuren Opfern in ihrem Hause zu halten; denen aber ihre Vermögensumstände dies nicht gestatten, behelfen sich dürftig mit Lectionengebern, Studenten u. s. w. und finden in der Regel, daß diese Art, ihre Kinder unterrichten zu lassen, sehr hoch zu stehen kommt, während daS Kind nur sehr wenig lernt. Wir kennen Viele, denen dieser Umstand sehr am Herzen liegt, und die darüber ganz rathlos sind; sie würden sehr gern auf Predigt, Trau - und Leichenreden Verzicht leisten, wenn sie nur ihre Kinder in der Religion ihrer Väter erziehen könnten, was wahrlich durch die christlichen Gymnasien allhier durchaus nicht erzielt werden kann. Eperies ist außerdem der Mittelpunkt des von unseren Glaubensbrüdern verhältnißmäßig stark bevölkerten Saroser Comitats. Wer irgend in der Umgegend ein Verlangen hegt, seine Kinder außer Chumisch und Gemarah auch von dem verpönten Baum des Wissens einige Früchte genießen zu las-, sen, sieht sich in unserer Stadt sehnsuchtsvoll nach einem wissenschaftlich gebildeten jungen Manne um, denn in seiner Kehila sind die des Lesens und Schreibens Kundigen gar rare Individuen. Da nun vollends die Winkelschulen, alias Chedarim, in Kurzem kasstrt werden sollen, so würde schon der bloße Name einiger angesehenen Männer aus unserer Gemeinde hinreichend sein, eine großartige israelitische Schule in unserer Stadt ins Leben zu rufen. Nicht einmal große Opfer würden zur Erlangung eines so schönen Zieles erforderlich sein, denn die Gründung einer israelitischen Volksschule ist der hiesigen Gemeinde von unserer weisen Regierurig anbefohlen worden, daher es zu erwarten steht, daß von dem für israelitische Schulen huldvoll bewilligten Fonde auch unserer Gemeinde ein verhältnißmäßiges Quantum zufließen wird. Auch ist unsere Gemeinde bereits im Besitze eines für die Errichtung eines Schulgebäudes geeigneten Grundes; durch Aktien ließe sich die zu dessen Bau nöthige Summe bald realisiren, wie ein bereits gemachter Versuch hinlänglich beweist. Mögen diese Zeilen in unserer Gemeinde beherziget werden, und das von jedem Einzelnen Gewünschte zum leicht realistrbaren Gesammtwunsche werden. Dr. N. Friedländer,