Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1858)
- Date
- 1858-01-11
- Page
- Seite 34 (sequence 4)
- Language
- German
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34 (viva vox) Gedanken und Gefühle zu wecken, Belehrung zu schaffen, Aneiftrung zu erregen. Es versteht sich also von selbst, daß der Dortrag sich nach dem Fassungsvermögen der Zuhörerschaft richten muß, wenn er nicht über daS Ziel hinausschießen soll. Eben so muß er alle zu Gebote stehenden Mittel benutzen, um die gewünschte Wirkung hervorzubringen; wendet er solche Mittel an, die für sein Publikum unverständlich sind, führt er dasselbe auf Wege, auf die es ihm nicht folgen kann: so ist er nicht bloS zwecklos, sondern auch zweckwidrig. So sehr es daher auch allgemeine Gesetze und Regeln giebt, so müssen doch locale Verhältnisse berücksichtigt werden und haben diese in Bezug auf mündlichen Dortrag eine volle Berechtigung. Von der andern Seite darf nicht vergessen werden, daß der Redner, insbesondere der geistliche, sein Ziel niemals darin finden darf, allein dem verdorbenen oder rohen Geschmack seiner Zuhörer zu huldigen und seine Befriedigung in ihrem augenblicklichen Beifall zu finden, sondern daß er die Aufgabe hat, sein Publikum zu bilden, zu sich heranzubilden und ihm immer Etwas zu geben, was über daS bisherige Maß desselben hinauSgeht. Auch darf nicht übersehen werden, daß es dennoch gewisse Regeln giebt, denen alle Geister, gebildete und ungebildete, hohe und niedrige, unterworfen sind und die auf die Dauer nicht verletzt werden dürfen, ohne daß die schädliche Folge davon auf den Redner selbst zurückfällt. In diesen Sätzen liegt die Antwort auf die obige Frage. Da die Namen an sich nichts ausmachen, so müssen wir uns vor Allem die Begriffe klar machen, die wir mit jenen verbinden. Der Etymologie der Worte nach, würden Predigt und Draschah entgegengesetzte Methoden bezeichnen. Predigt (praeäieatio) bezeichnet eine Verkündigung, den Ausspruch eines Satzes, dessen Inhalt weiter ausgefübrt und dessen Erweise geliefert werden, so daß fie mit der Aus - und Beweisführung, mit der Erhärtung und Beeiferung des zu Anfang ausgesprochenen Satzes schließt. Im Gegensatz bedeutet die Draschah («W „suchen") das Aufwerfen von Fragen, die Aufstellung des Für und Wider, das Gegenüberstellen der widersprechenden Verhältnisse und Gründe, um daraus zuletzt einen Schluß zu ziehen, der in bestimmter Fassung die Lösung der aufgestellten Fragen enthält. Wir haben diese etymologische Andeutung mit Grund angeführt, denn sie giebt in überraschender Weise den Grundcharakter beider Vortragsweisen zu erkennen, und wohin sich auch die alte Draschah verirrt hatte, so ist dennoch ihr Wesen aus den durch das Wort gegebenen Linien zu erklären; ihren Inhalt nur mußte sie sich vom Geiste der Zeit gefallen lassen. Es ist nur zu wahr, daß auch die Predigt zu Zeiten in Geschmacklosigkeit verfallen ist, daß sie zu steifer Form geworden, welche den künstlich verschnittenen Bäumen und Taruswänden der französischen Gartenkunst glich, und daß fie in diese Form einen dürren, aller Lebendigkeit und alles Schwunges entbehrenden Inhalt zwängte. Sorgen wir dafür, daß die Predigt nicht wieder dahin entarte, daß sie zwar gewissen Regeln der Kunst und der Logik treu bleibe, aber eben so der Mannigfaltigkeit der Formen sich erfreue, wie eines Inhalts voll Lebens und einer Sprache voll Feuers. Daß gerade die jüdische Predigt vermöge ihrer Freiheit, sich nicht streng an einen Schriftart halten zu müssen, sondern Talmud und Midrasch, Gebetsprüche und selbst Erklärungen alter Autoritäten, Deutung der Symbole und Ceremonien heranbringen zu können, der mannigfaltigsten Formen, der wechselndsten Einkleidung sich erfreuen und alles Dies nur den Gesetzen logischer Entwickelung einer klaren Verbindung und plastischen Anschauung zu unterwerfen habe, ist von uns an mehrfachen Orten, z. B. in den Vorreden zum Siloah, ausgeführt worden. Kommen wir nun zum Schlüsse. Wir räumen unter der Einwirkung localer Verhältnisse der sogenannten Draschah ihre Berechtigung ein, wenn auch im Allgemeinen der Charakter der Draschah diese mehr in das Lehrhaus, als in das Gotteshaus, mehr unter die Lehrmittel, als unter die gottesdienstlichen verweist. Jedoch müssen wir verlangen, daß auch die Draschah den Regeln der Logik und des Geschmacks unterzogen werde, und sich niemals von der Aufgabe erbaulicher Belehrung entferne, welche ihr allein auf der Kanzel einen Platz gewähren kann. Nicht eine bloße Anhäufung von Talmud- und Midraschstellen, ein Schaugericht rabbinischer Gelehrsamkeit, nicht das Aufwerfen sophistischer Fragen und eine witzelnde Lösung derselben bilden den Charakter der Draschah, und dürfen in unserer Zeit, vor welcher Gemeinde es auch sei, in unsren Gotteshäusern dargebracht werden. Ein bestimmter, überall anschaulicher Faden muß auch durch die Draschah laufen, logische Folge der Gedanken ist auch in ihr unumgängliche Bedingung, das Vermeiden unnützen Beiwerks und spielender Deutungen muß der Redner streng festhalten, und endlich nie vergessen, daß neben Ueberlieferung altjüdischer Weisheit und altjüdischen Wissens und neben dem Ergötzen des Scharfsinns und der Befriedigung des Verstandes die Wärme des Gefühls, das Erwecken lauterer Empfindun-