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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-01-11 · Heft 3 (11.1.1858) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 3 (11.1.1858)
Date
1858-01-11
Page
Seite 33 (sequence 3)
Language
German
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33 verarbeiten, ohne die Einseitigkeiten ertremer Richtungen, selbst zeitweise nur, zu einer allgemeinen Geltung kommen zu lassen; mit einem Worte, ist jene geweissagte große Zeit allgemeinen Friedens, allgemeiner Gerechtigkeit, allgemeiner Verständigung im Anbrechen begriffen? Wir haben diese Fragen eben nur hingestellt, wie sie sich einander gegenüber gestalten, ohne sie selbst beantworten zu wollen. Hier kommt es insonders auf weitere Beobachtung an, und nicht die Gegenwart kann über die ganze Bedeutung der Gegenwart urtheilen. Uns liegt vielmehr die Beantwortung einer dritten Frage am Herzen, welche jeden Einzelnen unmittelbar betrifft. Was haben wir inmitten dieser großen Erscheinung zu thun? Es ist wahr, wo jeder Parteikampf erloschen ist, da pflegt es auch still, selbst öde zu werden, daß der Pulsschlag des Lebens kaum fühlbar ist. Was haben wir also zu thun, um Leben zu erhalten und zu bethätigen? — — Da, wo große, scharf hervortretende Parteien nicht'mehr bestehen: da wird erst recht an das Individuum appellirt, da tritt der Werth und die Wirksamkeit des Einzelnen, wenn auch in kleineren Kreisen, erst recht hervor. In Parteiungen geht der Einzelne in die Partei auf; wo jene nicht vorhanden, hat jeder Einzelne seine Selbstständigkeit und seinen Beruf. Wo Parteiungen vorhanden, da ergreift der Einzelne die Meinung einer Partei, die ihm am meisten zusagt, und giebt sich ihr hin; wo aber jene nicht, da ist der Einzelne gezwungen, für sich selbst zu schaffen, und aus dem Andrang der verschiedenartigsten Meinungen sich solche zu wählen und zu bilden, die seinem Innersten am meisten entsprechen. Dies ist es also, was eines Jeden Aufgabe in einer Zeit wie die unsrige ist. Die erste Klippe, an der wir scheitern können, ist, gar keine Meinung zu haben und nur von Tag zu Tag zu leben, wie es sich gerade macht, ein Proletarier des Geistes. Also vor Allem schaffe Dir eine Meinung! Auf allen Gebieten, die Dir nahe liegen, schaffe Dir eine wohlbegründete Ansicht, von welcher Du ausgehest und weiterstrebest. Neben diesem Streben nach einer Ansicht stehe dann der Muth einer Ueberzeugung. Denn dies ist die zweite Klippe, daß wir in einer Zeit, wo nicht mehr mit scharfen Waffen gefochten wird, Allem nachgeben und uns gefügig gegen alle Meinungen des Tages und der Umgebung zeigen. Nein, was in unsrem Innern lebt, was hier die Macht eines Grundsatzes, das Leben einer Ueberzeugung gewonnen hat, das muß aus unsrem ganzen Wesen heraustreten, und sich mannhaft überall verkünden. Und neben diesem Muth der Ueberzeugung muß endlich die Th at kraft stehen. Denn dies ist die dritte Klippe für unsre Zeit. Indem man dem Geistigen ein Leben für sich zuschreibt, indem man sich schmeichelt, daß keine Idee, nt welcher Wahrheit enthalten, verloren geht, überläßt man es gar zu gern der Sache selbst, sich zu vertreten, sich Bahn zu brechen, sich Wirksamkeit zu schaffen. Aber die Idee lebt nur in den Menschen und wenn diese müsstg die Arme sinken lassen, so ist die Schwinge gelähmt, und das Bauwerk zerfällt. Also Thatkrast, durch Wort und Werk aus sich und Andere zu wirken, sie zur Thätigkeit zu bestimmen, und zu Opfern bereit zu machen. Dies ist der Ruf, der um so mehr in einer solchen Zeit, wie wir fie besprochen, an jeden Einzelnen ergeht, dies die Pflicht und die Aufgabe jedes Einzelnen, und nur dadurch wird die Arbeit der Menschheit kräftig weiter geführt: wir gehen dann keinem Verfall, sondern einer besseren und höheren Entwickelung entgegen. Was wir hier vom allgemeinen Standpunkt über den Charakter unsrer Zeit nach allen Richtungen hin ausgesprochen, versuchen wir es auf das Gebiet des Judenthums speciell anzuwenden. Einige Fragen aus dem Gebiete der Homiletik. i. Wir hatten in der letzten Zeit in diesen Blättern mehrmals Gelegenheit genommen, über die Predigt und das Predigen nach einigen Beziehungen hin zu sprechen, und dies veranlaßte einige ehrenwerthe Kollegen in Böhmen und Ungarn, weitere Fragen an uns zu richten und deren Besprechung zu wünschen. Die eine Frage ging dahin: ob nicht in Gemeinden, deren Bildungsstufe eine noch niedrige ist, namentlich in Landgemeinden, die Draschah der kunstgerechten Predigt vorzuziehen sei, da letztere in ihrer streng gehaltenen Form jenem Publikum nicht zusagt, in ihrer Sprache ihm zu wenig verständlich ist, vorausgesetzt, daß die Draschah nicht die alte pilpulistische ist, sondern von moralischem und religiösem Inhalt und logischer Folge der Gedanken? — Wir haben diese Frage schon vor vielen Jahren discutirt, und verweisen auf unser „Predigt- und Schul-Magazin", 2te Auflage, S. 364. Hier haben wir Folgendes zu bemerken. Jeder mündliche Vortrag hat die Bestimmung, sich unmittelbar an ein bestimmtes, gegebenes Auditorium zu wenden, um in demselben durch die lebendige Stimme 3*

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