Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1858)
- Date
- 1858-01-11
- Page
- Seite 32 (sequence 2)
- Language
- German
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32 z. B. nach Frankreich, so find dort in der That die Parteien zu bloßen Traditionen in kleinen Resten zumeist invalider Persönlichkeiten abgeschwächt. Selbst in England find die historischen Parteien fast nur noch zu Anhängern verschiedener Ministercandidaten geschwunden, welche, wenn sie ans Ruder kommen, dennoch einen und denselben Gang verfolgen müssen, und nicht blos die Chartisten, sondern selbst die Radicalen haben allen Boden verloren. In Preußen ist die „kleine, aber mächtige" Partei weder klein noch mächtig geblieben und ihre barocken Führer haben allen Einfluß verloren. Nicht minder hat auch Rußland seinen ertremen Standpunkt aufgegeben und seine Haltung wird von Tag zu Tag milder. So ist der Gang der Ereignisse über die Häupter der Parteien hinweggeschritten und hat sie zu Staub zermalmt. Ein Zeitraum von zehn Jahren hat genügt, um das eine Ertrem wie das andere zu erschöpfen und sie beide als unbrauchbar und veraltet zu beseitigen. Diese Erscheinung steht aber nicht vereinzelt auf dem politischen und socialen Gebiete. Wir beobachten sie auch in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Religion. Die Ansichten mögen immerhin auseinandergehen, aber sie haben sich zu sehr individualisirt; sie haben nicht die Kraft mehr, große Gemeinsamkeiten hervorzurufen, die sich mit Feuer und Schwert bekämpfen. Man läßt sie sich aussprechen, sich selbst zu ihrer ertremen Konsequenz drängen, um sie damit als weltbeherrschend aufzugeben. Materialismus und Spiritualismus, sie sind da; aber indem sie bis zu ihren Grenzen gegangen, und noch mehr seitdem sie in der Masse Parteien zu schaffen versuchten, durch sogenannte Popularisirung eine gebietende Stellung einzunehmen, haben sie ihre Macht verloren. Es ist hier nicht der Ort, dies weiter auszusühren, aber der Sachkundige wird dieselbe Erscheinung in der Jurisprudenz und Meditin und in allen wissenschaftlichen Gebieten wiederfinden. In der Kunst find die Kämpfe der Romantiker und Klassiker verschollen; der Kosmopelitismus und die Nationalität ringen nicht mehr mit einander, sondern finden ihre verschiedene Berechtigung neben einander; der Realismus und Idealismus in der Plastik streben nach Aussöhnung; und die Musik der Zukunft findet weder in der Theorie noch in der Praris einen ausgedehnteren Boden, als das geringe Häuflein einnimmt, das ihre eigensten Träger bilden. Wer sieht aber nicht ein, daß, sobald eine Reform keine Anhänger, eine neue Lehre keine Bekenner und keine Wirksamkeit findet, sie eben nur als isolirter Ausdruck stehen bleiben, der bei mancher Trefflichkeit des Inhalts doch der Allgemeinheit gegenüber keine Geltung hat. Wenn auf dem Gebiete der Religion alle jene vor einem Jahrzehend mit so großem Lärmen aufgetretenen Reformatoren verschollen sind, wenn weder die „Lichtfreunde" in ihren verschiedenen Nüancen, noch die „Deutschkatholiken" und „freien Gemeinden" irgend eine bleibende Gestaltung gewonnen haben: so mögen die Ultramontanen darüber nicht triumphiren, denn auch sie haben keine Partei hinter sich, all ihr Bemühen, ihre durch große Mittel unterstützten Anstrengungen lassen sie im Volke, und wir verstehen darunter alle Schichten desselben, nur ein sehr kleines Bruchtheil wirklicher Anhänger finden, ein Brucbtheil, von dem wiederum ein sehr großer Theil von höchst zweideutigem Werthe ist, wenn man ihre Motive bei Lichte besieht. So verschwindet auch im Judenthume die Orthodorie und Reform als Parteien immer mehr und weichen nach entfernten Landstrichen zurück. Ja, auch im Judenthume müssen die Versuche, eine „kleine, aber mächtige Partei" zu schaffen, als gescheitert angesehen werden. Wie gesagt, nicht die Ansichten in ihrer Verschiedenheit sind geschwunden, aber ihr Dasein in festen Parteien, die zu einer bestimmten Fahne schwören, sich einen Kampfplatz schaffen und Waffen aller Art gegen einander gebrauchen, ist gegenwärtig erloschen oder immer mehr im Erlöschen begriffen. Zwei Fragen erheben sich bei dieser Beobachtung; die eine: ob dieser Zustand ein vorübergehender oder ein dauernder sei? ob er blos eine augenblickliche Erschlaffung, eine durch die Mächtigkeit der voraufgegangenen Ereignisse erfolgte Schwäche, oder eine lang hindauernde Wirkung des so weit vorgeschrittenen Lebensganges in den civilisirten Nationen sei, und daher als ein großes Stadium desselben betrachtet werden müsse? Die zweite Frage wird dem Werthe oder Unwerthe der oben gezeichneten Erscheinung gelten. Ist sie hervorgegangen aus der Erschöpfung aller Lebenskraft? sind die Geister so apathisch geworden, daß sie Nichts mehr zu entflammen vermag, daß sie Nichts mehr in seiner Tiefe und Bedeutung fassen können, daß sie Alles gelten lassen und darum Nichts, daß sie für ihre Ansichten und Ueberzeugungen die Kraft weder zum Angriff noch zum Widerstande haben? Oder ist es ein Ausfluß der hohem Entwickelung, daß die Leidenschaft sich gemäßigt, daß die Humanität alles Individuelle bestehen läßt, die Kritik aber schnell daraus das Allgemeine scheidet, und nur dieses in ruhig fortschreitender Entwickelung verwerthet, daß der Geist der Menschheit dahin gelangt ist, die Erfolge aller menschlichen Anstrengungen sicher zu