Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 2 (4.1.1858)
- Date
- 1858-01-04
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 dieser Katastrophe gewesen — aber sie können fürwahr nur dem blöden Auge Dessen verborgen sein, dem die Aufklärung darüber unangenehm ist. Alle Worte darüber sind verloren, denn die Thatsachen sprechen sich selbst genugsam aus. Viel wichtiger ist die Frage, welche Folgen sie haben werden? Uns freilich kann die Beantwortung dieser Frage, so weit sie eine bloS thatfächliche sein soll, gleichgültig sein. Ob sich von den Tausenden der gefallenen Häuser einige, wenige oder viele wieder erheben werden, ob die zerrütteten Crediwerhältnisse sich nach und nach wieder erholen und theilweise oder ganz Herstellen, ob die überseeischen Handelsbeziehungen sich wieder vollständig anknüpfen werden — alles Dies interessirt unS hier nicht. Uns bewegt nur die besorgliche Frage: werden die Menschen die großen Lehren und Mahnungen, welche in dieser furchtbaren Züchtigung ausgesprochen liegen, sich zu Herzen nehmen und sie auf ihren Wandel umgestaltend wirken lassen, oder werden sie abermals verloren sein, und nach kurzer Zeit der alte Schwindel, die alte Hoffart, die alte unsinnige Habgier und Verschwendung ihr Spiel wieder von vorn beginnen? — Wir fürchten zwar nicht, daß auch jetzt der Kaufmannsstand mit jener Mißachtung auf uns, die Fragenden/ herabblicken wird, mit welcher er Gelehrte, Lehrer und Moralisten als Proletarier anzusehen schon gewohnt war — allein Derjenige, welchem das Heil der Menschen tief in der Seele liegt, welchem daS selbstbereitete Schicksal so zahlreicher Menschenbrüder mit Trauer erfüllt, kann jene Fragen nicht vorenthalten: sie richten sich an Alle, sie richten sich an jeden Einzelnen. Aber der Leser, der über diesen Gegenstand nun schon so Mannigfaltiges gehört, wird ungeduldig und spricht: sage mit klaren und bestimmten Worten, was Du willst, was Du forderst, damit ich es erwäge; nicht allgemeine Phrasen, sondern bündige Sätze stelle auf, damit ich sie prüfe. Wir wollen uns auch Diesem nicht entziehen; merke nur auf, Leser, und ziehe es bedächtig in Erwägung. Wir rufen Dir zu: l) Laß von allem überflüssigen Luruö ab. Siehst Du, wenige Worte, leicht verständlich, und doch die Wurzel des ganzen Baumes, das Fundament des ganzen Hauses. Es versteht sich, daß wir Alle weit entfernt sind, den verhältnißmäßigen Comfort, ja die Fülle des Hauses, wo die Besitzverhältniffe sie zulassen, zu verurtheilen; wir wissen sehr wohl, daß zwischen Haben und Verzehren ein richtiges Verhältniß sein muß, und daß die menschliche Industrie in ihrer Gesammtheit darauf gebaut ist. Aber Jedermann wird zugestehen, daß der Lurus in allen Classen der Gesellschaft so übermäßig geworden, daß er zum Verderben Zahlloser gereichen mußte. Ehemals hatte man das Sprüchwort: „Strecke Dich nach Deiner Decke", und man richtete seine Bedürfnisse, seine Ausgaben nach seinem Einkommen ein. Jetzt aber will man sein Einkommen nach seinen Ausgaben einrichten, sein Geschäft nach seinen Bedürfnissen bemessen. Ich brauche so und so viel des Jahres, ich muß also so und so viel verdienen und muß demnach solche Geschäfte treiben, daß sie mir so und so viel abwerfen. Das sind aber dann Geschäfte, die zuletzt den kühnen, ja stechen Reiter ganz und gar abwerfen. Daher die unsinnigen Speculationen, daher die grenzenlose Unredlichkeit, die in zahllosen Beispielen in der kaufmännischen Welt zu Tage gekommen, Daher die unzähligen Kassendeftaudatiotten, die in den letzten Jahren in einem so erschreckenden Maße vorgekommen, wie noch nie. Wenn man Familien sah, welche eine jährliche Summe verbrauchten, deren Besitz früher zu einem reichen Manne stempelte; in denen, außer dem verschwenderisch ausgestatteten Hause, der Mann nach Ischl, die Frau und Töchter nach Baden-Baden, die Söhne nach Paris gingen — was sollte für ein Geschäft solchen Ertrag abwersen? Wenn man die Ausstattung im Hause sah, wo die seidenen Gardinenhalter so viel kosteten, wie sonst die ganze bürgerliche Einrichtung, wo man seidene Bettvorhänge mit einem Kostenaufwande von mehreren hundert Thalern herftellte, und dies nicht in den Häusern der Großen der Erde, sondern in bürgerlichen, und von diesen aus verhältnißmäßig durch alle hindurch — so wird man begreifen, daß der Menschenfreund, daß der Religionssittliche nichts eifriger und nichts dringlicher zu wiederholen hat, als unsren ersten Zuruf. — 2) Bern iß Dein Ge sch äst nach Maßgabe Deines Capitalvermögenö. Dies war der kaufmännische Grundsatz unsrer Vorvordern, und wenn man ihn seit langer Zeit als altvaterisch belächelte, wenn man vielmehr den Credit für das eigentliche Leben der merkantilischen Welt ansah, als ob Credit etwas Anderes als Capital, nur nicht das man selbst besitzt, sondern das Anderer, wäre: so hat man die Beseitigung jenes alten Grundsatzes theuer genug bezahlt. Der Credit hängt von Anderen ab, er kann durch irgend Etwas, das in der Lust ist, im Allgemeinen, durch irgend eine Laune der Personen oder Umstande im Einzelnen entzogen werden, und dann bricht das Unheil über Den herein, der das künstliche Gebäude seines Geschäftes auf ihn errichtet hatte. Wer