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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-01-01 · Heft 1 (1.1.1858) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 1 (1.1.1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 gerischen Thätigkeit, und können ein wirksames Mittel zur Hebung des religiösen Lebens nur in der Hebung der seelsorgerischen Thätigkeit finden. Niemand wird uns die Meinung unterschieben, als ob wir eine völlige Umgestaltung der Sachlage von den jüdischen Geistlichen erwarten; daß aber sehr viel davon abhängt, ob und wie eine seelsorgerische Thätigkeit stattfindet, wie viel eine solche am weiteren Sinken des religiösen Sinnes und Lebens verhindern, wie viel, wenn sie eine rührige, begeisterte und organisirenve ist, sie zur Belebung alter, zur Schöpfung neuer Institute, zur Erregung des Interesses, zur Nutung der Geister und selbst durch die Persönlichkeiten beitragen könne, ist aus der Erfahrung an vielen Orten erwiesen. Wir muffen aber auch hier zu erwägen geben, daß bis jetzt mit geringer Ausnahme die größten und größeren Gemeinden nur Eine Persönlichkeit hatten, und daß die seelsorgerische Thätigkeit Eines Mannes nur von schwacher Wirkung ist. In einer Gemeinde von Tausenden von Seelen darf kein Sabbath vorübergehen, ohne daß mindestens von Einer Kanzel ein kräftiges religiöses Wort ertönt; es darf keine Trauung, keine Beschneidung, kein Begräbniß vollzogen werden, ohne daß die Stimme der Religion in verständlichen und eindringlichen Worten gehört werde; es darf kein Knabe, kein Mädchen ans der Kitldheit in das Leben eintreten, ohne daß sie vom Geistlichen selbst in der Religionslehre unterrichtet und im feierlichen Acte confirmirt worden; es muß für die zahlreichen Waisen, für die Armenkinder in den größeren Gemeinden eine umfassende Fürsorge geübt werden, und immer von Nepern in den Werken der Barmherzigkeit, in wohlthätigen Anstalten eine größere Lebendigkeit, eine immer schaffende Kraft, zu erhalten, darf nicht dem Zufall überlassen bleihen, daß Privatpersonen sich dieser heiligen Angelegenheit annehmen. Wir könnten noch viele Momente hinzufügen, wollen aber nur noch zwei hervorheben. Erstens. Der Herr Vers, des oben erwähnten Artikels aus Hamburg hebt hervor, daß bei dem Fungiren mehrerer Prediger neben einander selbst unwillkürlich die Kritik' sich des Auditoriums bemächtigt, es zur Vergleichung der Redner auffordert, und so statt einer andächtigen, der Predigt sich hingebenden Stimmung eine kritische eintritt, welche den Zwecken der Predigt vielmehr entgegengesetzt sei. Daß dies nicht ohne Grund ist, daß die Erfahrung dergleichen an die Hand gegeben, müssen wir voraussetzen. Aber es scheint uns dies doch nur. ein sehr untergeordnetes Motiv. Diese kritistrende Stimmung wird doch nur bei einer geringen Anzahl von Personen vorwaltcn, bei welchen die Kritik auch einem einzelnen Prediger gegenüber nicht verschwinden wird; die Mehrzahl der Hörer ist unbefangen genug, sich dem Eindruck des Augenblicks allein hinzugeben. Und wenn es auch geschähe, daß der Eine diesen, der Andere jenen Prediger zu seinem Lieblingsredner macht, weil seine Eigenthümlichkeit ihn mehr anspricht, so sehen wir darin durchaus kein Uebel. Im Gegentheil wird ein einziger Redner in einer Gemeinde dadurch, daß keine Mannigfaltigkeit, keine Verschiedenheit auf der Kanzel erscheint, nach und nach mehr Anziebungskraft verlieren, als er zu verlieren verdient. Die moderne Welt will einmal neben Erbauung und Belehrung auch Befriedigung ihres kritischen Gelüstes, und fühlt sich erst durch diese ganz wohl. Hierzu kommt aber der außerordentlich wichtige Punkt — die Concurrenz! Stehen zwei oder mehrere Prediger neben einander, so werden sie auch bei de^m freundschaftlichsten Verhältnis; sich immerfort angespornt fühlen, das Beste zu leisten, und ihre Thätigkeit immerfort zu erweisen — während der einzelnstehende gar zu leicht erschlafft und sich gehen läßt. — Nicht minder bedeutend ist das zweite Motiv. In den größeren Gemeinden giebl es überall einen größeren oder kleineren Theil, der sowohl im Cultus, als im häuslichen Leben dem alten Judenrhum ganz und gar anhängl. Ihr häusliches Leben erfordert die Beantwortung zahlreicher casuistischer Fragen; in der Synagoge wollen sie mehr Vorträge nach altem Schnitt, Draschoth, selbst mit pilpulistischer Färbung. Diesem Theile der Gemeinde muß Genüge geschehen; und wenn dies nicht geschieht, pflegt er sich der Predigt und dem Synagogencultus, so wie dem Gemeindeleben überhaupt zu entziehen, oder als eiitt besondere Fraction zu rumoren. Die Vorstände solcher Gemeinden pflegen daher bei ihrer Rabbinerwahl die Forderung an den Candidaten zu stellen, nach beiden Seiten hin eminent zu sein, und nach beiden Seiten hin wirksam zu sein. Sie bedenken nicht, daß eminente Größen nach diesen beiden Seiten hin nie vorhanden waren und nie vorhanden sind; daß Ein Mann, wenn er selbst eminent nach beiden Seiten wäre, mit seiner Kraft durchaus nicht ausreichen würde, der gewaltigen Aufgabe zu genügen; und endlich, daß ein solcher Mann von vorn herein aus einen Schaukelstuhl gesetzt ist, so daß er unwirksam nach Leiden Seiten hin sein wird. — Uno dennoch fügen wir Eines hinzu. Mit der Beschaffenheit in der Heranbildung junger, jüdischer Theologen kann es durchaus nicht so bleiben, wie es ist. Es kann aber auch nicht genügen, wenn in Deutschland, Italien und Frankreich je

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