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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-01-01 · Heft 1 (1.1.1858) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 1 (1.1.1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 nach kaum fünfzig Jahren nur noch in die Bücher der Geschichte geschrieben, aber in den Herzen und Geistern erloschen sind. — Wenn aber also Charakter einer der besondersten Vorzüge ist, die der menschliche Geist sich erwerben kann, wenn er, abgesehen von den Fügungen der göttlichen Vorsehung, das kräftigste Mittel und zugleich die einige Bürgschaft des siegreichen, dauernden Erfolges unter den menschlichen Mitteln und Bürgschaften ist, wenn Religion, Geschichte und Leben vereint uns zurusen: erwerbet Euch Charakter, wollet Ihr Menschen, Israeliten im ganzen und rechten Sinne sein, erwerbet Euch vor Allem Charakter — so fragen wir: wie erwerben wir ihn? was können wir selbst, außer der Schule des Lebens, die unS erzieht und läutert, dazu thun, um Charakter zu gewinnen und zu haben? — Wohl, m. Fr., hierzu ist nothwendig vor Allem: daß wir uns klar machen, was wir in unserm Leben wollen, daß wir so früh wie möglich, aber auch auf welcher Stufe des Lebens wir angelangt sind, ganz klar und bestimmt erkennen, was wir wollen in unserm Leben. Wer nur so in den Tag hineinlebt, wer nur so schafft, was der Augenblick mit sich bringt, bald nach Diesem, bald nach Jenem hascht, der bleibt immerdar charakterlos; nicht einmal in seinem Gewerbe, nicht in seiner Familie, nicht in der Erziehung seiner Kinder, wie viel mehr in den höhern Aufgaben des Lebens als Jude und Mensch wird er ein Genügendes erreichen, sondern Alles von der Hand des Zufalls, wie man so zu sagen pflegt, d. h vom Zusammentreffen der Umstände erwarten müssen. — Und weiß der Mensch, was er will, so muß er zweitens sich die bestimmtesten Grundsätze bilden, nach denen er diesem höchsten Wollen seines Lebens nachstreben und nachleben muffe. Nicht nach den Einfällen seines Geistes, nicht nach immer schwankenden Ansichten und Neigungen, nicht nach der wechselnden Strömung seiner Gefühle, nicht nach den Einflüssen und Beispielen Anderer darf er handeln, sondern nach bestimmten, festen Grundsätzen. Ja, sie dürfen eben nicht blos dunkele Triebe, unklare Gewöhnungen, sondern deutlich gewordene, zu Wort und Fleisch gewordene, vom Geiste erfaßte, wohl verstandene und durchdrungene Grundsätze sein. — Wenn Du aber erst weißt, was Du willst als Mensch, als Israelit, als Bürger, als Mann der Wissenschaft oder des Gewerbes, als Glied der Familie, Familienvater, Familienmutter, und wenn Du Dir die festen Grundsätze gebildet, nach denen Du zu erreichen und zu erfüllen gedenkest, was Du willst in allen diesen Verhältnissen — dann tritt drittens als die höchste Forderung hinzu: daß Du auch wirklich nach diesen Grundsätzen handelst, daß Du sie nicht willkürlich verlassest und ihnen zuwider thuest, sondern unerschütterlich an ihnen hangest und sie übest. Nicht Gewinn und Verlust, nicht Hoffnung und Täuschung, nicht Bequemlichkeit und Mühsal, nicht Unwetter und Sturm dürfen Dich abhaltcn, sie ins Werk zu setzen, sondern treu diesen, in Deine Seele eingelebten Ueberzengungen, darfst Du keinen Schritt von ihnen weichen, oder mußt immer wieder zu ihnen zurückkehren. Dies ist das Schwierigste. Wer da weiß, wie viel der Mensch seiner selbst unbewußt und in Unklarheit thut; wer weiß, wie sehr der Mensch zum Schwanken geneigt ist und dem Drängen des Augenblicks so gern nachgiebt; wer erfahren, wie viele Menschen das Gute und Rechte wissen, und nicht die Kraft haben, es zu thun — der wird ermessen, daß hier das größte Hinderniß zu überwinden ist. Daher ist es allerdings wahr, daß die größten Charaktere nur unter den gewaltigsten Prüfungen geworden sind, daß eS gleichsam der gewaltigsten Schläge des Hammers, den Gott in der Hand seiner Vorsehung hält, bedurfte, um sie zu stählen, daß in der Regel ste durch eine harte Schule der Jugend gegangen sind. Dies ist der Weg, auf welchem wir zum Besitz von Charakter gelangen. Er ist schwierig, er erfordert große Herrschaft über sich selbst im Großen und Kleinen. Aber das wisse, erreichen kannst Du das Ziel, ob Du schwach oder stark angelegt bist, ob zaghaft oder muthig, ob zart oder hart. Und das wisse, des Charakters bedarfst Du, wer Du auch seiest, ob Du in großen oder kleinen Kreisen lebest und wirkest, ob Du auf der Stufenleiter der Gesellschaft eine hohe oder niedrige Stiege einnimmst, ob Dir große oder kleine Mittel zu Gebote stehen: denn vor Allem, Jeder ist Mensch und muß als solcher fest und sicher sein, Jeder Israelit und darf als solcher nicht wanken und schwanken, Jeder handelt und schafft und wirkt, und ist hierfür von Bedeutung und Wichtigkeit; jedes Menschenleben ist für sich und Andere, jedes für diese und die höhere Welt, und dazu bedarf es des festen und sichern Charakters!- Aber Niemand stehet nicht ein, daß dies dennoch noch nicht genüge. Denn wie Niemand den Eigensinn, die Herzenshärtigkeit, den Trotz, den vollendeten Eigennutz und die ausschließliche Selbstsucht Charakter nennen wird im höhern Sinne des Wortes, so müssen wir nicht allein Charakter erwerben, sondern ihn fort und fort verl *

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