Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1857)
- Date
- 1857-12-21
- Page
- Seite 716 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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716 träge einzelner Mitglieder ordnungsmäßig bestehender israelitischer CultuSgemeinden zu den CultuSzwecken, dann, wenn die übrigen zu Gebote stehenden Mittel zur Einbringung derselben ohne Erfolg geblieben sind, im Sinne der kaiserlichen Verordnung vom 20. April 1854 mittelst der für die landesfürstlichen Steuern und andere öffentliche Leistungen bestehenden Zwangsmaßregeln eingetrieben werden können." Ueber das gesellschaftliche Leben in Krakau entwirft ein Correspondent aus dieser Stadt in der Presse folgende- Bild, das uns lebenSgetreu zu sein scheint. „Daö Coterienwesen ist überhaupt bei unS sehr entwickelt, und die Spaltung in ganz kleine Kreise eine allgemeine. Dieser Charakterzug deS Polen macht stch in allen Verhältnissen und in allen Ländern bemerklich, und hat bekanntlich immer sehr schlechte Folgen mit sich gebracht. Eristiren in der polnischen Gesellschaft solche Spaltungen, so haben sie sich auch jetzt in die jüdische verpflanzt. Man unterscheidet jetzt ganz generell die Juden im „Frack", und die Juden in der „Kapota", dem polnisch-jüdischen Nationalkleide. Die ersteren, von der modernen Bildung angehaucht oder schon ganz durchdrungen, befinden sich überhaupt in einer seltsamen Stellung; von den Orthodoxen angefeindet, finden sie auch keine großen Sympathien in der christlichen Gesellschaft. Der Edelmann, der Bürger und der Bauer können es ihnen nicht verzeihen, daß sie so ganz ohne äußerliche Abzeichen zwischen ihnen hcrumgehen und so thun, als wenn sie ihresgleichen wären. Dabei herrscht die Ansicht, daß die modernisirten Juden im Grunde noch weit gefährlicher wären als die alten, daß sie den Schacher und Wucher, wie man bei uns den Handel nennt, mit einem weit größer« und um so gefährlichem Raffinement betreiben. Unser „Univers", der Czas, bringt hier und da Klagen über die Vermodernisirung der Juden, und mancher alte Sarmate seufzt nach jenen Zeilen, wo er dem „Factor Mosekko" (Moses) handgreifliche Beweise seiner Unzufriedenheit geben konnte, ohne daß sich jener beklagen durfte." Ende November starb in Krakau der nach Vielen berühmte, nach Vielen berüchtigte Rabbi zu Wielopole, Tarnower KreiseS. Wie wollen — da er nun einmal heimgegangen ist zu seinen Vätern — eingedenk deS frommen Spruches sie mortuis nil nisi bene, weder für ihn, noch gegen ihn Partei nehmen; so viel ist gewiß, daß die chassidische Partei deS westlichen Galiziens und deS nördlichen Ungarns durch den Tod dieses Mannes, der mit dem heiligen Manne zu Sander in steter Feindschaft lebte, einen unersetzlichen Verlust erlitten hat; NDy 'n — Mit welcher Innigkeit man ihm anhing, und wie viele Anhänger er auch in Krakau halte, zeigte die Großartigkeit der Theilnahme bei Gelegenheit seines Leichenbegängnisses. „So etwas ist noch nie dagesen", erzählten Augenzeugen aus Krakau. Die letzte Ehre können auch wir unsrerseits dem Dahingeschiedenen bezeigen, hier zu bezeugen: daß Geldanhäufen — waS selbst seine Feinde eingestehen — nicht seine Sache war; so wie es ihm von allen Seiten zugeschwommen kam, ist es wieder durch mannigfache Canäle zerronnen; eine Tugend, die man allerdings seinem ihn überlebenden Rivalen zu Sander, der sich auf die Kunst „Geld zu machen" meisterhaft versteht, nicht nachrühmen können wird. — Im 9. Hefte des unter dem Titel: „Unsere Zeit" bei Brockhaus in Leipzig erscheinenden Jahrbuches zum Conversations-Leriron, S. 549, fiel uns folgende Stelle auf, die wir auch hier mitzutheilen um so geeigneter finden, als dasselbe: vr. Barth's Reisen und Entdeckungen in Nord-und Centralafrika in den Jahren 1849—45, entnommen ist. „Dem Ghurian*) eigenthümlich", so lautet diese Stelle, „sind die zahlreichen unterirdischen Dörfer, welche schon Capitain Lyon beschrieben hat. Sie stammen wahrscheinlich von den Juden her, wenigstens waren schon seit der Zeit der Ausbreitung des Islam die Juden über ganz Nordafrika innig mit den Berbern verbunden, ja viele Berberstämme nahmen das Judenthum an, und genau wie Juden hier mit Berbern untermischt und auf freundschaftlichem Fuße gefunden werden, so findet dasselbe Verhältniß in den Bergschluchten des Deren oder Atlas in Marokko statt." Dänemark. Kopenhagen, im November. (Privatmitth.) Von freundlicher Seite ist mir in diesen Tagen aus Deutschland No. 527. der Berliner Nationalzeitung (vom 11. Novbr. «.) zugestellt worden, worin sich ein die hiesigen Juden betreffender Artikel aus Kopenhagen befindet, der in mehreren Punkten einer Berichtigung *) DaS ist der Name einer Gebirgskette im Westen von Tripvli und eines Bezirks im Osten dieses Gebirges. ■ Anm. d. Corresp.