Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1857)
- Date
- 1857-12-21
- Page
- Seite 712 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Königl. Regierung nicht bestätigt worden ist, und zwar, wie man sagt,- weil er zugleich Vorsteher der Resormgenossenschast ist. Man hat bei dem Herrn Oberpräsidenten recurirt, aber unterdeß hat die Königliche Regierung einen Termin zur Neuwahl ausschreiben lassen. — Während in allen anderen Ländern von der großen Handels- und Geldkrise verhälknißmäßig nur wenig jüdische Firmen betroffen worden, wie z. B. selbst in Hamburg, hat diese Epidemie in Berlin unter unsren Glaubensgenossen fürchterlich gewüthet, und zwar sind nicht allein Spekulanten und sonst schon insolvente Häuser gefallen, sondern auch solche, welche seit langer Zeit und in reellster Weise bestanden. Ein niederdrückendcs Gefühl, eine allgemeine Mißstimmung hat sich daher der Menschen bemustert, da Viele das Damoklesschwert über ihrem Nacken fühlen, und jeden Augenblick gewärtigen, daß eS auch auf sie niederfalle. Jndeß muß man sich sagen, daß eS nicht anders hätte kommen können; denn der LuruS in der Ausstattung der Wohnungen, in dem Putz der Damen und in der Befriedigung der Vergnügungssucht war so unerträglich gestiegen, daß der tiefe Fall Vieler nicht ausbleiben konnte. Vielleicht werden diese Vorgänge Viele zur Einfachheit und Beschränkung zurückführen, vielleicht auch in Manchem das sittlich-religiöse Gefühl wieder erwecken, welches in Vielen im Uebermuth ihres geschäftlichen LebenS ganz erloschen war. Daher ist auch jetzt nicht mehr von einem Schisma die Rede, welches in einigen Theilen der Refvrmgenoffenschaft auszubrechen gedroht haben soll. Man fand nämlich, daß von der Kanzel derselben zu oft und zu hart gegen den „Unglauben" gedonnert werde. Da diese Genossenschaft die Idee der Geistesfreiheit vertreten soll und zu diesem Zwecke alle religiösen Formgefetze, wie Sabbath und Fasten (am Versöhnungstag) und Beschneidung beseitigt hat: so sieht man nicht ab, wie man innerhalb ihrer nicht auch die Richtung wolle ruhig walten lassen, welche auch der Idee der Religion überhaupt sich abgewendet hat, und deren Anhänger nur darum der Reformgenossenschast angehören, weil sie irgend einer kirchlichen Fraktion angehören müssen. Vor dem Ernste der Wirklichkeit verstummt auch dieses Murren. Aus Schlesien, 28. November. (Privamitth.) Bei einer neulich in Gleiwitz stattgehabten Wahl von 12 Stadtverordneten sind auch 4 Israeliten, — die Herren Dr. Freund, Banquier Fränkel, Kaufmann Friedländer und Hausbesitzer Fabisch — mit gewählt worden, — was wir indeß nur darum der Erwähnung werth halten, weil es in einer Stadt Oberschlesiens vorgekommen ist. — Bei der am 24. d. M. in der Gemeinde Sagan (Niederschlesien) stattgefundenen Einweihung der neu erbauten Synagoge hat Herr Dr. M. Sachs aus Berlin die Festrede gehalten und Herr Cantor Moritz Deutsch aus Breslau die Gesänge geleitet. — Auf dem evangelischen Kirchhofe zu Rawitsch befindet sich ein Grabstein, auf welchem (wie ein Rawitscher Correspondent in No. 266. der Br. Z. versichert) einem im Jahre 1780 verstorbenen Bürger nachgerühmt wird, daß er ein rechter christlicher Israelit gewesen. — Die Gemeinden unserer Provinz bereist seit mehreren Wochen ein Jude aus Konstantinopel, welcher lwie er vorgiebt) für seine armen Glaubensgenossen im Orient sammelt und — keine schlechten Geschäfte macht. Gleiwitz, im November. (Privatmitth.) Unsere kleine Nachbargemeinde Peiskretscham feierte am 23. d. M. daS 25jährige Ehejubiläum ihres wackern Rabbiners Herrn Abraham Löwysohn auf eine solenne Weise. Am Morgen desselben Tages begaben sich Vorstand und Repräsentanten in die Wohnung des Herrn Jubilars, und der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Hüttenbesitzer Orglcr, hielt eine kurze, aber passende und sehr gelungene Anrede, worauf der Vorsitzende der Repräsentanten, Herr De. Heimann, dem Jubilar im Namen der Gemeinde einen sehr schön gearbeiteten silbernen Pokal überreichte. Der Rabbiner, überrascht von so vieler Aufmerksamkeit, begann mit seiner ihm nie fehlenden Gemülhlichkeit den Dank abzustatten, und seine Worte waren so innig, die Zuhörer so von der Wahrheit deö Gehörten überzeugt, daß Thränen der innersten GemüthSbewegung in den Augen sämmtlicher Anwesenden den Standpunkt genau bezeichneten, auf dem Gemeinde und Rabbiner stehen. Kaum hatten die Herren sich entfernt, als eine Deputation des Frauenvereins erschien und auf eine innige Weise der Frau Rabbiner ihre Gratulationen, begleitet von sehr kostbaren Geschenken , darbrachte. AbendS war im Hause des Rabbiners Picknick, wobei sehr viele Toaste ausgebracht und vom Herrn Lehrer Reich eine schöne Rede