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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-12-14 · Heft 51 (14.12.1857) · p. Seite 701

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 51 (14.12.1857)
Date
1857-12-14
Page
Seite 701 (sequence 9)
Language
German
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701 strahl") schleudert, ohne daß er seiner ursurpirten einflußreichen Stellung in der Gemeinde enthoben, oder daß mindestens seinem gemeinschädlichen Treiben, seinen Gaukeleien irgendwie cntgegengetreten würde. Forscht man nach der Quelle dieser unerquicklichen Erscheinung, so findet man solche unschwer in der auf der andern Seite, weil eben so wohlscil als bequem, als zum bon ton gehörig angenommenen und zur Schau getragenen Scheintoleranz. „Ich bin tolerant", heißt eS leider nur zu oft; „ich lasse Jedem seinen Glau-' ben, wie seine Nase unangetastet; mag Jeder ersteren betätigen und letztere schnäuzen, wie er wolle, oder auch umgekehrt: — mich ficht eS nicht an!" — Ja, wenn Jene es auch nur bei dem eigenen Glauben und der eigenen Rase bewenden lassen und nicht vielmehr diese auch in den Glauben Anderer stecken, nicht auch auf anderer ehrlicher Leute Nase herumtanzen wollten! DieS ist aber leider unser Fall. Und solchem Unfug ruhig zusehen, heißt wohl nicht Toleranz; nein, das ist der krasseste Jndifferentismus. Wir dürfen uns durch seine gleißende Außenseite, sein friedliebendes Wesen nicht verleiten lassen, ihn mit der Toleranz zu verwechseln. Zu den Bedingungen eines geregelten, den Anforderungen ächtcr Religiosität und Gesittung, wie den materiellen Bedürfnissen entsprechenden Gemeindelebens gehört unstreitig vor Allem eine in diesem Sinne organistrte Leitung der Gemeindeangelegenheiten. Woher soll aber diese kommen, wenn Diejenigen, welche durch Bildung, Einsicht und Lebensstellung vor Allen dazu berufen und befähigt sind, jede Betheiligung bei der Leitung des Gemeinwesens ablehnen, oder aber die übernommenen Pflichten mit einer Lauheit üben, welche der seine Zwecke unablässig verfolgende Chassidismus sich gar wohl zu Nutze zu machen verstehet? Schon ist es dahin gekommen, daß ein Mann, der gleich würdig durch Gelehrsamkeit wie durch Frömmigkeit den Rabbinerstuhl in der obangedeuteten Gemeinde 6e jure einnimmt, eS nicht wagt, Einsprache zu erheben gegen die Umtriebe Dessen, der, die ursurpirte Rabbinatsgewalt schmählich mißbrauchend, sich erfrecht, in religiösen wie in nichtreligiösen Dingen der Gemeinde seinen Willen in Form von Manifesten zu dictiren und gegen die Ungehorsamen den Bann auszusprechen; *) Ist dies im Kaiserstaate nicht gesetzlich verboten? Redact. schon werden von ihm und seinen Helfershelfern Väter, die sich es beikommen lassen, ihren Kindern eine zeitgemäße Erziehung zu geben, unbarmherzig verfolgt; schon werden harmlose Menschen bei dem geringsten Anlässe von ihm förmlich inquirirt und Zeugen über sie verhört, ob sie auch die vorgeschriebenen Waschungen pünktlich vornehmen, in Sukkoth sitzen, ob ihre Frauen die Reinigungsvorschriften genau beobachten, nicht vielleicht gar eigenes Haar tragen u. dergl. — Man lasse nur diese Finsterlinge gewähren, und die Inquisition, wie sie von denselben vor etwa 30 Jahren hier zu Lande und später im benachbarten Rußland oft blutig geübt worden, ist fertig. — Mögen daher jene Männer, zu denen dre Augen aller Wohldenkenden in den Gemeinden vertrauensvoll Hinblicken — Angesichts der Gefahren, welche die so schön begonnene Neugestaltung und Veredlung unserer religiösen und sittlichen Zustände ernstlich bedrohen; Angesichts der Barbarei, in welche wir, wenn eS so fortgehet, zurückzufallen auf dem besten Wege sind; Angesichts der Schmach, der wir unö durch eine unwürdige Vertretung der Gemeinden der hohen Regierung gegenüber auSsetzen — endlich auS ihrer Apathie erwachen! Mögen sie, gedenkend jenes Weisen, der vor seinem Tode die quälendsten Gewissensbisse darüber empfand, Zeit seines LebenS jedes Amt von sich gewiesen und dadurch sich vielleicht selbst die Gelegenheit benommen zu haben, manches Gute zu stiften — sich die Angelegenheiten ihrer Gemeinden mehr zu Herzen zu nehmen und auf eine dem wahren Wohle und der Würde der Gemeinden entsprechende Vertretung derselben ernstlich bedacht sein. Aus Ungarn, im November. (Privatmitth.) Die erste der durch die allerhöchste Gnade unseres Kaisers gegründeten und vom ungarischen Schulfonde dotirten israelitischen Musterhauptschulen wurde am 8. Octobcr zu Pesth durch den k. k. Herrn Schulrath vr. H» Haas, dem unermüdlichen Schöpfer, Beförderer und Verbesserer der ungarischen Schulen, eröffnet und eingeweiht. Sie wird schon jetzt von 324 Knaben besucht und war daher, da die dort schon seit vielen Jahren bestehende und theils von Schulgeldern, theilS von Gemeindemitteln erhaltene Normalhauptschule ebenfalls genügend frequentirt ist, und Pesth eine Bevölkerung von 23,000 israelitischen Seelen zählt, ein dringendes und unabweisbares Bedürfniß, besonders da 51

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