Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1857)
- Date
- 1857-12-14
- Page
- Seite 700 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226039-3226091--16566-3245431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
700 so muß die König!. Regierung es wohl für nöthig erachtet habe», ein weiteres Anwachsen des Einflusses der Juden auf unsere Communalangelegenbeiten zu verhindern." Zu diesem Artikel haben wir nur folgende Bemerkungen zu machen. Daß man hier die Bevölkerung in drei Nationalitäten trennt, und die Juden weder als Polen noch als Deutsche gelten läßt, ist elwaS Neues, was an dem reactionären Verfasser dieses Artikels auffallen muß. In den Jahren 48 und 49, bei jenem berüchtigten Kampfe der Nationalitäten, haben die Deutschen die Juden in Posen durchaus als ihre Brüder beansprucht, und da die Juden, in vielen Fällen zu ihrem persönlichen Schaden, sich auch als Deutsche gerirten, und ihr Gewicht als Deutsche in die Wagschale legten, wofür sie von den Polen mit noch andauernder Gehässigkeit behandelt wurden: glaubten sie nicht, daß die Deutschen dies so bald vergessen und die Juden als eine eigene Nationalität behandeln würden. Daß die Juden in Posen sieben Achtel des Capitals in Händen haben, wird ihnen zwar von Seiten des dadurch zu gewinnenden Credirs zu erfahren sehr angenehm sein; indeß pflegt eine grobe Lüge, eine aus Feindschaft entsprungene Uebertrcibung dennoch zu verwunden, und dies ist hier sicher der Fall. Wer da weiß, wie neben einer kleinen Zahl Begüterter die Mehrzahl der hiesigen Juden mit dem Erwerb der täglichen Bedürfnisse zu kämpfen hat, der erkennt auch bald die erbärmlichen Motive dieser Lüge. — Nun thut es zwar den hiesigen Juden leid, einem, wie also unsre Feinde selbst eingestehen, würdigen und fähigen Manne um seiner Glaubenstreue willen abermals ein Amt versagt zu sehen, zu welchem ihn seine Mitbürger gewählt haben; es thut ihnen leid, immer noch im Vaterlande in politischen Dingen confessionelle Motive vorherrschen zu sehen — aber von einer „Bestürzung" ist wahrlich keine Spur, und auch nicht im Entferntesten eine Veranlassung dazu. In gewerblicher Beziehung herrscht in Preußen, Gott sei Dank! völlige Gleichheit, und es findet eine so gesetzliche Regelung statt, daß von der Gunst oder Ungunst eines Stadtralhs auch nicht das Geringste abhängt. Die Juden hatten also an dieser Wahl nur ein principielles Interesse und daö kann wohl Bedauern, niemals aber Bestürzung Hervorrufen. Lächerlich ist es aber überhaupt^ wie diese Herren so oft die. christliche Majorität neben der jüdischen Minorität in Schatten stellen. Die jüdischen Stadtverordneten bilden ein Drittel des Collegiums, nur zwei Juden sind Mitglieder des.Magistrats, und doch sollen jenes Drittel und diese zwei Juden Alles durchsetzen! Hiermit werden die chpißlichen Mitglieder solcher Schwäche gezeihet, daß sich jene Artikelschreiber doch etwas dabei besinnen müßten! Oesterreichischer Kaiserstaat- Aus Galizien, im October. (Privatmitth. Von einem andern Corresp.) Hatten schon die politischen Wirren, welche vor ungefähr einem Jahrzehend Europa erschütterten, alle religiösen und geistigen In texessen in den Hintergrund geschoben, so hatte überdies die gewaltige Anspannung der Geister eine Abspannung zur Folge, welche gerade auf diesen Gebieten Hierlands in nachhaltigster und bedauerlichster Weise zu Tage tritt. Wenn wir uns in unserm engem Vaterlande Umsehen, so gewahren wir mit Befremden und Betrübniß zugleich, wie sehr in den meisten Gemeinden Fanatismus und Obscurantismus immer mehr und mehr um sich zu greisen, wie deren Träger und Pfleger immer offener und frecher ihr Unwesen zu treiben und der moralischen, geistigen, und materiellen Entwickelung des Gemcindelebens eine verderbliche Richtung zu geben beginnen. Ich spreche hier nicht von jenen kleinen Gemeinden, welche die chassidäischen Sectenhäupter längst als ihre Erbdomänen occupirt und mit Wällen von Nebel und Finsterniß umgeben haben, die zu durchbrechen dem Strahl der Bildung wohl erst in später Zukunft gelingen dürfte. Aber wie schmerzlich ist es, solche Wahrnehmungen auch in . den größern Gemeinden machen zu müssen! Sieht man doch selbst in einer der größten und erleuchtetesten Gemeinden, in einer Gemeinde, ■nsp: y->"in'v "iön — „deren Kaufleute Fürsten, deren Handelsleute weltberühmt" —, in einer Gemeinde, die sich von jeher ausgezeichnet durch ihre consequente Abweisung aller chassidäischen Elemente — sieht man doch selbst in dieser Gemeinde an. der Spitze der religiösen Angelegenheiten zur Zeit, wo nicht llo jure, doch äs facto einen jener Dunkelmänner, einen Fanatiker stehen, der, seine minutiöse casuistische Gelehrsamkeit abgerechnet, eben so albern-unwissend, als dumm-arrogant den Rebbi spielt, ni-nup (Amulete) schreibt, rnsma macht (Ablaß ertheilt) und gegen ihm mißliebige Personen den Bann-