Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1857)
- Date
- 1857-12-14
- Page
- Seite 699 (sequence 7)
- Language
- German
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699 an den heiligen Sabbath- und Festtagen recht handwerksburschenmäßig an Rauchesqualm und Kartenspiel sich laben, abgesehen von Vielen, die selbst Einen Tag im Jahre, ihrem Gott sich zu nähern verschmähen und anstatt mit „Engelsfüßen" in der heiligen Halle des Herrn zu stehen, an dem Spiele „Franzefuß" wohlgefällig weilen, und an dem heiligen bs Abend anstatt Stoßseufzer über ihre Sündhaftigkeit „Billarbstöße" hervorbringen. Aber auch Die, so sich für die Orthodoren halten, sehen mit großer Gleichgültigkeit ihre Kinder die von der Religion aufgesteckteil wohlthätigen Marken überschreiten und nur an den Erwerb, den Handel, den Schacher den Maßstab ihrer Calculakionen legen. Als im vorigen Jahre die Oberconsistorialerlaffe über Kirchcnzucht, Liturgie u. s. w. erschienen, erhoben sich protestantische Laien, dem Fabrik- und Kaufherrenstandc angehörig, mit Energie, Feuereifer und Glaubensmuth, mit eminenter Religions- und Geschichtskenntniß dafür und dawider. Sind die hierländischen Kaufläden- und Fabrikbesitzer eben so mit den Schriften ihres Bekenntnisses vertraut, daß sie ein sachgemäßes und mit Schrifkbeweisen belegtes Urtheil über wesentliche Punkte der Religion zu fällen vermögen? Weder Talmudgclehrte (D^ub) der alten, noch wahrhaft jüdische, mit dem Secirmesser der Kritik vertraute Männer der neuern Zeit — wie etwa in andern großen Gemeinden — sind hier anzulreffen, trotzdem eS Philosophen (Flegelianer) haufenweise giebt und der EpikuräiSmus sein Garn mit diabolischer Pfifflgkeit auszubreiten versteht. Selbst diese Zeitung — dieses Organ des Judenthums, dieses Centrum der Israeliten aller Länder, dieses Herz, in welchem alle Arterien und Venen des über alle Erdenwinkel sich erstreckenden Organismus ihren Knotenprinkt haben — wird hier vornehmerweise nicht gelesen.*) Doch die prophetische Sentenz: ■’iri.iö ab 'n ’ijs arv’V? Nb dp»: ^2 ont<q, bewahrheitet sich auch hier. Bereits fängt man, selbst von indifferentester Seite, diese Leere und Gehaltlosigkeit zu fühlen an und glaubt durch geeignete Mittel sie beseitigen, zu müssen. Dessen Zeuge war die vor kürzester Zeit stattgehable Wahlagitation. Eine Partei hatte „die Erhaltung deS Frie¬ *) Auf Anrathen des dastgen Rabbiners vr. Loewis jedoch wird dieselbe aus der Gemeiudekaffe zur Registratur angeschafft, uuv hierdurch von Manchem benutzt. Auch im jüdischen Colleg liegt sie auf. dens in der Gemeinde" zur Devise gewählt, welches freilich dem ruhig Betrachtenden lächerlich erscheint, da hier nicht der Friede einer organischen und belebten Welt, sondern der an Moderbuft und Verwesung melancholisch erinnernde eines Kirchhofs waltet. Die andere Partei hatte „die Wahrung deS religiösen Elements" zur Parole genommen, und selbst die „Neumodischen" kürten nach deren Sinne. Triumphirend erhebt sie nun ihr Haupt, und, wie man hört, soll der Rabbiner das erste Ziel des Angriffs — als Sündenbock aller bisher entstandenen Gemeindeübel — und die Errichtung besserer Schulen der einstweilige Preis des Kampfes sein. In wie weit dieses Streben berechtigt und preiswürdig ist, behalten wir uns für einen nächsten Artikel bevor, bemerken jedoch, daß wir lange Anstand nahmen, gegenwärtigen Bericht, als unser Interesse nicht berührend, zu veröffentlichen; aber in so fern die größte Gemeinde eines 60,000 israelitische Einwohner zählenden Staates die Trägerin der Intelligenz und des kirchlichen Typus sein soll und von deren Verhalten eine Parallele auf die andern gezogen wird, Nbi bab? "inabri 1ÖN2 raba rripi bsis. Sch. Preußen. Posen, 26. November. (Privatmitth.) Die „Augsburger Allg. Zeit." enthält von hier aus folgenden Artikel: „In keiner Stadt Preußens finden sich die Nationalitäten so gemischt wie in Posen. Ein Drittel der Einwohner besteht aus Deutschen, ein Drittel aus Polen, und ein Drittel aus Juden. Diese letztem besitzen aber, nach der Frkf. Postztg., wohl sieben Achtel alles Capitals. Der ganze Handel und auch viele Gewerbe sind lediglich in ihren Händen, und sie üben hier daher einen ziemlich souveränen Einfluß. So hatten sie eS breitS erreicht, daß ein Drittel der Mitglieder des Gemeinderaths, und außerdem zwei Mitglieder des Magistrats Juden waren, und jetzt haben sie es durchgesetzt, daß auch für die besoldete Stadtrathsstelle, welcher die Aufsicht über sammtliche Gewerbe zugewiesen ist, ein Jude gewählt worden ist. Aber gestern Abend meldete die hiesige Zeitung, daß die Königl. Regierung, welcher das Bestätigungsrecht zusteht, die Bestätigung abgelehnt habe. Da nun gegen die Person des Gewählten, den Dr. jur. und Gerichtsassessor Samter, durchaus nichts zu erinnern ist,