Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1857)
- Date
- 1857-12-14
- Page
- Seite 698 (sequence 6)
- Language
- German
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698 Beste und die Förderung des städtischen Wohles im Auge und verfährt mit der größten Unparteilichkeit und Toleranz bei der Behandlung und Verbescheidung der zu ihrem Refforte gehörigen Gegenstände. Im Schoße der Israeliten selbst ist, trotz diffentirender religiöser Ansichten, Friedlichkeit und Einigkeit, und kann, nach des großen Friedrich Marime, Jeder nach eigener Faxon selig werden, indem Jedermann seinen selbst gewählten Weg wandelt, ohne einer harten, lieblosen Verurtheilung ausgesetzt zu sei», und kömmt Einer in die Lage, der Hülfe und Unterstützung Anderer zu bedürfen, so giebt Jeder gern, reichlich und ohne Ostentation. Thatsächliche Beweise liefern die trefflichen Wohllhätigkeitsanstalten und Stiftungen, als da sind: das Hospital, die Waisenanstalt, Ausstattung unbemittelter Mädchen, Krankenpflegeverein u. s. w., deren nähere Beschreibung wir uns Vorbehalten. Hierzu tragen aber naturgemäß nicht wenig bei die Verhältnisse in 2) merkantiler Beziehung. Giebt cs hier auch keine Millionäre, so eristirt doch ein Wohlstand und ein lebenskräftiger Mittelstand, den die größte jüdische Gemeinde Deutschlands kaum aufweisen dürfte. Die Spiegelfabrication, bekanntermaßen ein vorzüglicher Industriezweig hiesigen Orts, gedeihet in immer größerer Progression unter der Pflege jüdischer Hände, da 17 jüdische Häuser im Besitze von 33 Glasfabriken sich befinden. Die König!, privilegirte Stahlbrillenfabrik des Abr. Schweizer hat bereits durch Solidität und Zartheit ihrer Kunsterzeugnisse, so wie durch Zuerkennung vieler Ehrendiplome und Preismcdaillen sich einen fast außereuropäischen Ruf erworben. Diese so ’ wie die Ultramarinfabrik von Reichmann und Naumburg, die Bleistiftfabrik von Jllfelder und Berolzheimer, Bronce- und Metallsabrik von Benda (Neubauer), Buntpapiersabrik von Stern, welche sämmtlich durch Benutzung des Dampfes in Betrieb gesetzt werden, und die mittelst Pferdekraft arbeitende Runkelrübenfabrik von Cohn und Feiftmann geben vielen Tausenden von Arbeitern Beschäftigung. Der nach allen Richtungen der Windrose sich erstreckende Verkehr bringt nicht nur die dasigcn Israeliten mit Menschen der verschiedensten Zonen und Länder in nahe Geschäftsverbindung, sondern auch enorme Summen in Circulation auf den hiesigen Platz, wodurch der Comfort sich immer mehr steigert und die Physiognomie der Stadt an Pracht und Glanz stets zunimmt. Daß in Folge dessen der gemeindliche Finanzstand ein sehr glänzender ist und die Kinder der Armen und Unbemittelten sich nützlichen Gewerben und Beschäftigungen zuwenden und ein geistiges und physisches Proletariat nicht aufkommen kann, ist einleuchtend. So glänzend und lichtvoll indcß das Aussehen der jüdischen Commune in den erwähnten beiden Beziehungen ist, so traurig und düster ist es 3) in religiöser Rücksicht. War vormals die Jeschibah Fürths als Metropole berühmt, aus welcher Radien des Geistes über alle Gauen jüdisch-deutscher Länder sich ausbreiteten, aus deren zwar unscheinbaren, aber dennoch mit der Flamme des heiligen Gotteswortes erleuchteten Hörsälen Männer der Glaubenskraft und der ReligionStreue hervorgingen, so ist dasselbe dermalen durch den nur nach Realem und Materiellem strebenden Geist, durch den leidigen Egoismus und die verweichlichende Genußsucht zu einem winzigen, kaum nennenswerlhen Orte zusammengeschrumpft, wo das heilige Feld der Thora brach liegt, der Acker spiritueller Saaten von keinem befruchtenden Himmelsthau befeuchtet und der Sinn für alle höhere Interessen fast ganz geschwunden ist. Die Jugend hält man lediglich zur Erlernung Desjenigen an, was unmittelbaren Vortheil verspricht, weiß sie nicht durch Versagung mancher leicht entbehrlicher Genüsse und Vergnügungen an Enthaltsamkeit und freiwillige Entsagung zu gewöhnen, und leitet sie somit unbewußt an den Rand des moralischen Verderbens und vielleicht physischen Elendes. Der Mensch, vornehmlich der Jude, ist ja nicht Herr der Verhältnisse, Meister der Situationen. Ein einziger gewaltiger Stoß von Außen ändert die Lage und führt oft traurige Ereignisse herbei, denen zu widerstehen oder sie zu bewältigen nur der an Resignation Gewöhnte vermag. Wer die Frivolität, die Aufgeblasenheit und die Arroganz dieser Jugend sich recht beschaut, wird um so mehr von einem Gefühl der Wehmuth unwillkürlich beschlichen, als in derselben ein geistiger Fond und herrliche Verstandesblüthen nicht zu verkennen sind. Aber leider! Verstand ohne Herz, Geist ohne Gemüth, Licht ohne Wärme! Noch die Schule besuchende Knaben hört man prahlend von dem Genüsse von „Knackwürsten" sprechen, kaum dem Knabenalter entwachsene Jünglinge, und sowohl junge als an des Alters Last erinnernde Männer sieht man