Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1857)
- Date
- 1857-12-14
- Page
- Seite 697 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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697 chustg von Fachmännern nothwendig machen; denn nicht in verschiedenen Gemeinden soll der Gesang ein verschiedener sein. Willkür der Vorbeter, die alle Wochen je nach ihrer Laune und ihrer Befähigung mit einer neuen, uneingeübten Melodie ihre überraschende Aufwartung machen wollen, darf meines Erachtens nicht geduldet werden. Willkür führt zur Unordnung, darum müssen feststehende Normen aufgestellt werden. Ich wage es deshalb auszüsprechen, dass eS die unerläßliche Nothwendigkeitgebiete, Vorbeterconferenzen, etwa am Rabbinatssstzc, zu veranstalten. In diesen Conserenzen könnte nicht nur über das Wie der Gesangesausführung verhandelt,sondern auch besprochen werden, welche Gesangbücher die Herren Rabbinen zur a l l g e m e i n e n Einführung genehmigen möchten. Schon vor zwei Jahren, No. 1. der Zeit. d. Judenth., habe ich die Vorzüge des Philippson'schen Gesangbüchleins besprochen und dasselbe— empfohlen. Für den hebräischen Gesang wäre das Rosenstein'sche Gesangbüchlein, in welchem auch das zur Einführung kommende Kol nidre-Lied von Stein sich befindet, mit Nutzen zü gebrauchen. Der lange, schleppende Kirchengesang der Protestanten war schon längst eine Streitfrage der protestantischen Geistlichkeit, und man kam zuletzt zu dem allgemein gewünschten Resultate, daß die Choräle im bewegteren Tempo gesungen werden sollen. Herr Philippson hat bei der angeborenen Ungeduld der Israeliten mit richtigem Tacte seinen Gesängen einen schnelleren Tact gegeben, ein Vorzug, der sehr schätzenswerth ist. Die Einführung vorerwähnter Büchlein müßte bei der Confercnz besprochen und mit Genehmigung unserer Rabbinen beschlossen werden. Eine Zusammenkunft der Cantoren wird gewiss auch noch andere Vortheile bieten. Man theilt sich gegenseitig seine An - und Einsichten mit, und wirkt sohin auch anregend und belebend auf hie Lauen und Gleichgültigen, die das Interesse für ihren schönen Beruf fast verloren haben. Die Gemeinden werden einsehen, daß es uns Ernst um das übernommene Amt ist, die guten Früchte werden mit Gottes Hülfe nicht ausbleiben, und so werden Sache und Stand nur gewinnen. — Möge eine geübtere Feder beregten Gegenstand nochmals besprechen.*) S. Hecht, Elementarlehrer. *) Bemerkung der Redaktion. Wir ergreifen die Gelegenheit, uns noch einmal über einen Punkt aus- Fürth, Ende November. (Privamitth.) Seit dem 22. Juli h. dahier in temporärer Quiescenz lebend, hatte ich Muße und Gelegenheit genug, die hiesigen jüdischen Zustände in socialer, merkantilischer und religiöser Beziehung zu beobachten, um mir um so mehr ein getreues Bild hiervon zu machen, als ich, obgleich ein geborener Fürther, in Folge der mannigfach sich widersprechenden Gerüchte über das hiesige Treiben nie zu einer klaren Anschauung zu gelangen vermochte. 1) WaS nun die socialen Verhältnisse betrifft, so herrscht hier zwischen den verschiedenen ConfessionSparteien eine Einigkeit und ein harmonisches Zusammenhalten, wie es in andern grössern Städten nur selten anzutrcffen ist. Christ und Jude beobachten nicht nur gegenseitig die kalten Regeln des Anstandes, die Forderungen der Urbanität: sie leben auch gemüthlich als Nachbarn, Bekannte und Freunde zusammen, und sind Symptome des uralten KrebsleidenS, Rischus genannt, etwa nür mit genauer Noth und übertriebener Empfindlichkeit wahrnehmbar. Die Magistratur — aus den einsichtsvollsten, intelligenten und vorurtheilöfreien Männern (Herr S. Berolzheimer, ein sehr kluger, einsichtvoller und gebildeter Jude, sitzt im Gemeindecollegium) bestehend, mit einem edlen, friedliebenden und humanen Bürgermeister an der Spitze — hat lediglich das allgemeine zusprechen, den wir schon einmal berührten. Unser „Jsraelilisches Gesangbuch" (Baumgärtner 1855, 9 Ngr.) ist bereits in mehr als 40 Gemeinde», so weit wir es wissen, regelmäßig eingeführt, und in sehr vielen gelegentlich gebraucht. Dem ungeachtet hat die Verlagshandlung noch nicht mehr als circa 700 Eremplare abgesetzt, von denen mehr als 200 aus die Gemeinde zu Magdeburg kommen. Mail verschreibt nämlich ein Eremplar, aus welchem man Lieder und Melodie für das Chor herausschreibt oder einige Eremplare für das Chor. Wir machen aber darauf aufmerksam, daß Nichts wirkungsloser und darum bald langweiliger ist, als religiöse Gesänge, ohne daß die Hörer den Tert kennen oder vor sich haben. Wer daher das deutsche Lied in der Synagoge von vornherein todt machen will, der befolge den oben bezeichneten Weg. Soll aber die Gemeinde von den Gesängen wirklich erbaut und das deutsche Lied nicht auch schon zu einer bloßen Formalität werden, so müssen die Zuhörer die Terte in Händen haben. In mittleren und kleineren Gemeinden könnte die Gemeindekasse mit geringem Opfer eine Partie Eremplare — wobei die Verlagshandlung Vergünstigungen eintreten lassen wird — kommen lassen, um sie beim Gottesdienst zu vertheilen, bis erst die Sache sich eingebürgert hat.