Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1857)
- Date
- 1857-12-14
- Page
- Seite 695 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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695 sitzung die Judenbill wiederum einbringen und dabei aufs Reue von Lord Palmerston unterstützt werden. Es ist doch alles Mögliche, daß man in England trotz Indien und der Geldklemme noch Zeit hat, sich mit der Judenfrage zu beschäftigen. Von dem talentvollen und fleißigen, gegenwärtig hier wohnenden jungen jüdischen Dichter Dr. Julius Rodenberg sind in jüngster Zeit wiederum mehrere Schriften erschienen, die von der Kritik überaus günstig beurtheilk worden sind. So die bei Campe in Hamburg erschienenen und mit so vielem Beifall aufgenommenen Helena-Lieder „Trutz Frankreich", die von des Verfassers Patriotismus das schönste Zeugniß ablegen; ferner die bei Rumpler hierselbst herausgekommenen Werke: „Dramatische Idyllen" und „Ein Herbst in Wales". Das letzte Buch ist der Baroneß Lionel von Rothschild zugeeignet, jenem „Ideale einer Frau, die auf den Höhen des Lebens geboren, nicht nur mit dem Glanze alles Dessen geschmückt ist, was hohe Bildung und mächtige Stellung gewähren, sondern auch mit einem Herzen voll Liebe und Opferfähigkeit in die Tiefe hinabsteigt, um die Nacht des Elends und der Unwissenheit zu erleuchten und zu erwärmen." Der Dichter war so glücklich, durch Herrn Di'. Kalisch, der seine Stellung im Hause der genannten edlen Frau eben so zur Förderung der Literatur, Kunst und Wissenschaft benutzt, wie Herr Di'. Albert Cohn im Hause des Herrn Baron James v. Rothschild zu Paris, bei der Frau Baroneß eingeführt zu werden, welche ihm nicht allein die Feder schenkte, mit der er das Buch schrieb, sondern ihm auch die geistige Anregung zu letzterem gab. Gleich vielen Anderen hatte Herr Jul. Rodenberg Gelegenheit, wahrzunehmen, wie jene hochherzige Frau, die wir mit Stolz die unsere nennen, mit einem offenen und regen Sinne für alles Schöne und Erhabene auch eine wahrhafte Begeisterung für das Judenthum verbindet und voller Bewunderung staunte er dieselbe an jenem Nachmittage an, an welchem er sich bei ihr verabschiedete und wo der herrschaftliche Wagen auS Gunersburg (dem Landsitze der gnädigen Frau) in einem der dunkelsten Gäßchen der City, in Bell Laue, stand, woselbst die Erste ihres Volkes, umgeben von zwei liebenswürdigen Töchtern, auf einem hölzernen Schemelchen unter den vierhundert armen und verlassenen Kindern ihres Volkes saß, den Hülflosen ein Trost und ihren Glaubensschwestern ein hohes Vorbild. Was nun den Inhalt deS Buches selbst betrifft, daS mit jener jugendlichen Frische und Lebendigkeit, welche die Schriften Rodenbergs so anstehend macken, die Naturschönheiten von WaleS und die Erlebnisse des Dichters daselbst schildert, so steht derselbe zu dem Judenthume zwar in keiner directen Beziehung; dock finden sich hier und da manche Berührungspunkte. So findet sich z. B. in dem Abschnitte „Zur walisischen Geschichte" eine Mittheilung über eine uralte Sage von dem er, schlagenen Riesen Gogmagog, der bekanntlich in den Targumim und Midraschim eine Rolle spielt. Specieller das Judenthum berührend ist eine Arbeit, mit welcher Herr Dr. Rodenberg jetzt beschäftigt ist, nämlich das hohe Lied, welches er zu einem Oratorium umarbeitet, zu welchem der hiesige Hofcapcllmejster Dr. Marschner die Musik componiren wird. Auch wird Herr Jul. Rodenberg demnächst eine Anzahl von Psalmen in metrischer Uebersctzung erscheinen lassen. Wormö, im December. (Privatmitth.) In Folge der furchtbaren Katastrophe in Mainz mußte der Gottesdienst in den beiden Synagogen einige Zeit unterbrochen werden, da die Oberfenster der Neusynagoge und die Fenster der Altsynagoge zerstört wurden. Daß keiner unserer Glaubensgenossen getödtet, oder tödtlich verwundet wurde, haben Sie bereits berichtet; es verdient aber noch mitgetheilt zu werden, daß der um 2 Uhr abgelöste Posten vor dem Pulverthurm ein österreichischer jüdischer Soldat war, der ein Opfer der Explosion geworden wäre, wenn er den Postendienst von 2 —4 Uhr hätte versehen müssen; eine eben so'merkwürdige LebenSrettung ereignete sich in einem Haufe, wo eine jüdische Dame (von hier gebürtig) ihren Säugling aus Her Wiege nahm, wohinein im nächsten Augenblick ein schwerer Stein, durch das Fenster dringend, fiel. Daß unsere Glaubensgenossen unter Die gehören, welche durch überraschend große Summen zur Unterstützung der Mainzer sich auszeichnen, brauche ich wohl kaum zu sagen; dagegen ist es ein seltsamer Zufall, daß zu den Mitgliedern des in Paris sich gebildeten HülsScomites ein Dr. Bamberger (Israelit) gehört, welcher, in Mainz gebürtig, nach 1848 von dort flüchten mußte; der hessische Gesandte in Paris darf ihm keinen Paß nach Mainz ertheilen, wohl aber mit ihm im Werk der Menschenliebe sich vereinigen, und hat das HauS, mit dem Dr. Bamberger liirt ist, 4000 Fl. zur Unterstützung der Mainzer beigesteuert. — Unter 51*