Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-11-30 · Heft 49 (30.11.1857) · p. Seite 670

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 49 (30.11.1857)
Date
1857-11-30
Page
Seite 670 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226089--16534-3245397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«70 Es ist aber überhaupt nicht recht klar, ob der Verf. nur das Dogma der Schöpfung aus Nichts, oder auch die Thatsache, daß dies Dogma offenbart worden sei, beweisen will. An einer Stelle (S. 241.) scheint sogar die letztere Frage abgewiesen zu sein. Eben so gesteht Refer. offen ein, daß es ihm nicht ganz klar geworden, ob Herr St. mit dem noch erübrigenden Argumente von und aus der sittlichen Freiheit einen selbstständigen Beweis oder nur eine Ergänzung oder die Vollendung der früheren geben will.*) Er tritt auch hier in die Fußtapfen Kant's, der, nachdem er in der Kritik der reinen Vernunft Alles „niedergerissen", in der Kritik der prakt. Bern, wieder aufbaut und vom Sittcngesetze aus das Dasein Gottes als „Postulat" setzt. Mit diesem Gotte der Metaphysik ist aber der Verf. nicht einverstanden, er deducirt aus dem Bewußtsein der Freiheit den lebendigen, einigen, persönlichen Gott und die Schöpfung aus Nichts. Die Freiheit des Willens ist nach ihm auch „ein Unbegreifliches; das Vermögen, die Kette von Ursachen und Wirkungen zu zerreißen, die Ursache einer That zu werden gegen den gesetzmäßigen Lauf der Natur". (S. 136.) Wir haben gegen diese sehr weit ausgreifende Definition unsre Bedenken, doch wollen wir sie unterdrücken, da sie diesmal den eigentlichen Beweis nicht berühren; aber Herr St. verwirrt die Sache, d. h. die logische Beweisführung selbst, indem er (z. B. S. 151.) wieder aus der Schöpfung der Substanz die Freiheit des Willens deducirt haben will. Was er bei dieser Gelegenheit über die Vieldeutigkeit des Begriffes „Ursache" und die richtige Auffassung der cau8a 8uklleien8 sagt, ist sehr Reiferen Manches darüber gesprochen, doch war das eigene Urtheil noch das Eines, der die „Reife" eben schwarz auf weiß sich errungen. Es sind nur vage Reminiscenzen geblieben und kann daher auch nicht angegeben werden, in wie fern Herr St. selbst in dem neuen Buche auf die Kritiker des alten Rücksicht genommen. — Eben so wurde damals — wieder salvo errore — eingewendet, daß die Schöpfung aus Nichts in der Schrift selbst gar nicht als das Grnnddogma, wie etwa die Einheit Gottes auftrete; daß darüber im More II, 16. f. debattirt werde; diese Einwände hüben jevoch wenig Gewicht, die Schrift ist eben kein Lehrbuch in Paragraphen; und wie man auch über Zahl u. s. w. der gestritten, so ist die ■p«» -er nfcO-in immerfort die orthovore Lehre gewesen. *) Die gewählte Form der Vorlesungen macht durch ihre Recapitulationen und Digressionen wohl das Lesen angenehm, erschwert aber das Auffinden eines logisch straffen Gedanken- und Beweisganges sehr. beifallswürdig; auch loben wir mit ihm den scharfsinnigen Ausspruch Lichtenberg's (S. 13.): „Wir wissen mit viel mehr Deutlichkeit, daß unser Wille frei ist, als daß Alles, was geschieht, eine Ursache haben muffe. Könnte man daher nicht einmal das Argument umkehren und sagen: Unsre Begriffe von Ursache und Wirkung müssen sehr unrichtig sein, weil unser Wille nicht frei sein könnte, wären sie richtig." Man könnte umkehren, dabei wird indessen Herr St. auch wohl stehen bleiben müssen; daß man es umkehren müsse, ist schwerlich bewiesen. Wir lassen das, was der Verf. (S. 84 — 93.) über seine Auffassung des Geistes und dessen Stellung in der Reihe des Geschaffenen, über die Stufenleiter des „Raumsüllenden", „Raumlösenden", Lust, Licht, Aether, Lebenskraft fauch ein Jmponverables, nach ihm*)^ — Geist, vorträgt, auf sich beruhen. Die Hypothese ist geistreich, aber nur eine Hypothese zu hundert andern. Der Uebergang von Blei zum Aether ist nicht so schroff, als der vom Aether zum Geist; aus dem Gebiet des Materiellen, auch des allerunwägbarsten, in das des Geistes und der Freiheit führt immer nur ein Sprung, und zwar ein salto mortale, mag Herr St. das Schwungbrett auch noch so sinnreich construirt haben. Hiermit brechen wir unsre Polemik ab. Herr St. hat ohne Zweifel richtig dargethan, daß der reinen Vernunft das Endurtheil über die Realität der sinnlichen Gegenstände nicht zusteht**), und mau wird auch ohne eracten Beweis, ja obgleich, unsres Dafürhaltens, ein solcher nicht möglich ist, zugeben, daß dies bei den *) Aehnlich bei I. H. Fichte „Anthropologie rc." (1856), wo die Seele zu den unzerstörbaren Urelementen, die Raum und Zeit selbst füllen, gezählt wird. **) Es versteht sich, daß der Verf. damit nichts Neues gesagt haben will. Daß er sich im Betreffenden vornehmlich an den „zermalmenden" Kant hält, ist begreiflich; befremdet hat es uns jedoch, daß er bei der reich benutzten Literatur auf Hu me keine ausdrückliche Rücksicht nimmt. Bei Diesem findet sich nicht nur die Zweitheilung der Kenntnisse in reIation8 of ideas und matters of fact sehr klar, und — wie bekannt — die Unzulänglichkeit jeder apriorischen Erkenntnis;; sondern gerade den für Herrn St. so wichtigen Satz: daß das Thatsächliche keinen Gegensatz habe, weil dessen Gegentheil immer möglich ist, hat Hume sehr faßlich und nicht blos durch Berufung auf einzelne physikalische Phänomene und dunkle Probleme auseinandergesetzt. Eben so die Unzulänglichkeit der Mathematik, wobei aber reine und angewandte nicht unter einander geworfen und ibl gemacht sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.