Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1857)
- Date
- 1857-11-30
- Page
- Seite 669 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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669 fertigt); auch auf die Erweiterung deS Resultats jener Antinomie (S. 46. 71.) brauchen wir nicht wieder zurückzukommen und hatten auf die Anführung der gescheiterten Versuche, wirkliche, physische Atome darzustellen, verzichtet; denn wenn jene Versuche auch später in ihrer Art gelingen sollten und wenn die Dicke von einem Milliontel Zoll sich auf Billiontel verringern ließe, so ist damit für die Lösung des philosophischen Problems nichts gewonnen.*) Also: die Materie ist der reinen Vernunft unbegreiflich, dennoch müssen wir sie als real gelten lassen, weil wir nicht anders können. Das ist die Philosophie des gesunden Menschenverstandes, die Philosophie des Diogenes, der vor dem die Unmöglichkeit der Bewegung demonstrirenden Sophisten ruhig auf und ab spazierte. Die Materie ist nicht von der Vernunft erfunden, sie wird uns offenbart — aber, wie weit ist der Weg von dieser Offenbarung durch die Sinne zu der „Offenbarung" im engeren Sinne! Wo ist hier der Stein, der Klotz, der dem speculirenden Zweifler durch unsanfte Berührung seine Realität darthut? Freilich verweist Steinheim auf den Sinn des Gehörs, der von nur Hörbarem Zeugniß giebt, wie Gesicht und Getast von sichtbaren Gegenständen, und fragt (S. 11.), warum das, was wir hören, weniger gewiß sein solle, als das, was uns die andern Sinne mittheilen.**) Diese Frage wird Niemand verneinen; aber daß das Gehör nicht jene Offenbarung erhalten habe, das ist's ja eben, was bewiesen werden soll! *) Für die Klarheit der Untersuchung wäre es überhaupt wohl zuträglicher gewesen, wenn der Verf. den phyflkalischen und metaphysischen Theil seiner Beweisführung mehr auseinander gehalten hätte. Auch der aufmerksame Leser ist dadurch oft im Ungewissen, ob der Verf. eine bloße Analogie oder einen Beweis liefern wolle. Für die heutige Naturforschung ist es ja bezeichnend, daß sie sich um die Häkeleien der Metaphysik nicht kümmert, d. h. sie fucl)t den Fragen dadurch aus dem Wege zu gehen, daß fie die „Atome" „Molecule" nennt. In der Thal höchst scharfsinnig und — für gar Manches — charakteristisch. Es ist wohl zu viel Ehre, wenn der Verf. (S. 77.) diese Theorie eine „Nothhypothese" nennt. **) Die Behauptung (S. 77.), daß bei dem Gehör kein Erperiment anzuwenden sei, ist wohl übereilt. Wir denken natürlich nicht an die eigentliche Akustik; ist aber bei Erkenntniß der Seele des Nächsten durch das Gehör kein Erperiment möglich? Durch „Hebel und Schrauben" können wir da freilich keine Antwort ans unfre Fragen erzwingen, aber das ändert an der Möglichkeit des psychologischen Erperiments nichts. Um diesen Beweis herzustellen, nimmt Herr St. die erste Kant'sche Antinomie, von der Ewigkeit und Unendlichkeit der Materie, zu Hülfe. Auch hier sind die entgegenstehenden Thesen beide mit innerem Widerspruche behaftet. Die reine Vernunft, sagt Herr St., kann also eben so wenig das Wesen der Materie begreifen, als fie das Schöpfungs- (Welt-) Problem zu lösen im Stande ist. Aber eben aus dieser Zusammenstellung geht, unseres Erachtens, die Unzulänglichkeit des St.'schen Beweises hervor. Denn wenn wir gezwungen find, trotz der Scrupel unsrer Vernunft, die Realität der Materie zu glauben, wo ist dann, in Hinsicht auf die andere Antinomie, das Factum, oder das Faktische, welches uns nöthigt, uns für die Thests der „Schöpfung aus Nichts" zu entscheiden? — Herr St. sagt freilich: eben weil diese Annahme dem Vernunftariom „aus Nichts wird Nichts" widerstreitet, darum ist sie der Realität entsprechend. lieber die Unzulässigkeit einer solchen Folgerung haben wir im Allgemeinen bereits geredet; jetzt halten wir dem Verf. weiter entgegen, daß ja nach seiner eigenen, d. h. Kanl's, Aufstellung die Materie eben so wohl mit innerem Widerspruch behaftet ist, d. h. der reinen Vernunft widerspricht, wie die Schöfung aus Nichts. Und wenn nun auch der Satz „aus Nichts wird Nichts" sich wie ein rother oder schwarzer Faden durch die ganze Geschichte der Philosophie, wie durch alle heidnischen Religionen zieht; wenn der Verf. auch trefflich nachgewiesen hat, wie die heidnischen Dogmen eben so gut wie die Philosopheme insgesammt den Stempel des von der speculirenden, in ihre eigenen Grenzen festgebannten Vernunft Erdachten an sich tragen; wenn ries ex niliilo nihil die „Denkbarre" ist, an der alle Versuche der philosophirenden wie der dogmatistrenden Denker gescheitert sind — folgt daraus, daß die entgegensetzende Annahme offenbart sein müsse? Wie nahe liegt dem Rationalisten der Ausweg oder Einwand, daß doch ein Mal Jemand — Moses, würde er sagen — diese Barre glücklich überschifft, das rechte Fahrwasser entdeckt, gefunden, und auf dem Felsenankergrunde der Schöpfung aus Nichts sein Religiousgebäuve aufgeführt habe!*) *) Wenn wir uns recht entstuuen, wurde dies bereits vor 20 Jahren dem früheren Werke des Herrn St. entgegengehalten; oder haben wir's aus mündlicher Belehrung? Res. will bei dieser Gelegenheit bemerken, daß er die damals erschienenen Recensionen jetzt nicht wieder gelesen, weil die Zeitschriften nicht zur Hand sind. Seiner Zeit wurden dieselben wohl theilweise gelesen und mit