Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1857)
- Date
- 1857-11-30
- Page
- Seite 668 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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668 werfen sie als flache Schöngeisterei verächtlich bei Seite." — Mancher unsrer Leser wird fragen, weshalb wir Obiges in diesen Blättern anführen? Es wird ihm aber klar werden, wenn wir daran erinnern, daß dieses Abschließen vom wirklichen Leben, von der Wirksamkeit auf das Leben der Masse, daß dieses Zurückziehen in eine, zum Theil sterile Fachgelehrsamkeit, daß das Mißachten aller Bestrebungen, das geistige Leben im Judenthum und in der jüdischen Masse zu heben, nicht minder von vielen jüdischen Gelehrten und Theologen unsrer Zeit angestrebt wird. Je weniger aber dem Judenthume eine große Summe Geisteskräfte zu Gebote steht, je mehr sich die begabten Genien unter den Juden der allgemeinen Geistesarbeit zuwenden, je sparsamer daher mit den, dem speciellen Judenthume geweihten Kräften umgegangen werden muß, und je wichtiger gerade auf dem religiösen Gebiete, und zwar dem einer Minorität, das Leben der Masse ist, um dieses zu einer höheren Auffassung zu bringen: desto mehr müssen wir unsre Gelehrten verwarnen, dem Markte des Lebens mit Selbstüberschätzung den Rücken zu wenden, und stch in die mit Gräben und Wällen umgebene Burg einer Fachgelehrsamkeit zurückzuziehen. Hierzu kommt, daß unsre Gelehrten der Jetztzeit sich lediglich mit der Geschichte und Literatur befassen und hier die Kunst des Euchens und Kritisirens üben, während sie das selbstständige Denken und Forschen, Philosophie und Eregese zu den freien Gebieten außerhalb ihrer Burg rechnen. Allerdings gilt es hier ein Opfer, welches ein Gelehrter schwer über sich nehmen kann, nämlich den Prunk der Gelehrsamkeit, die Citatenmenge und den Notizenkram abzuthun, weil dieser den allgemeinen Leser, und welcher Etwas für Geist und Herz sucht, nur abstößt. Wir haben dieses Opfer stets willig getragen. Mancher kleiner Leitartikel ist das Resultat langer Forschung; unsre Vorlesungen hätten uns zu der dreimaligen Größe von Anmerkungen Gelegenheit gegeben; auch in unsrem Bibelwerke haben wir nur das Allernothwendigste citirt. Manches unliebsame Urtheil haben wir dafür hinnehmen müssen. Allein zuletzt ist dies nicht die Instanz, die über den Werth zu entscheiden hat; das Bewußtsein, wahrhaft genützt zu haben, so wie die dankbare Anerkennung des Volkes wird Demjenigen Lohn genug sein, dem es nicht um eitlen Ruhm zu thun ist. Das jüdische Volksblatt. Nach der, Michaelis d. I. getroffenen Einrichtung beginnt „das jüdische Volksblatt" mit dem 1. Januar 1858 seinen fünften Jahrgang. Wir bemerken dies schon heute, um die Abonnenten zu frühzeitiger Bestellung zu bestimmen, indem es bei diesem Blatte gerade schon mehrere Male vorgekommen, daß für Nachbesteller Eremplare der ersten Nummern nicht mehr vorräthig waren. Die große Verbreitung des im Preise so billigen Blattes (jährlich 1 Thlr.), das regelmäßig jede Woche erscheint, hat gezeigt, daß eS feinem Zwecke, Unterhaltung und Belehrung auf jüdischem Gebiete zu schaffen, genügt. Mehrere Versuche, die gemacht wurden, eine Nachahmung dieses Blattes herzusteüen, waren mit geringem Erfolge gekrönt. Eine Reihe interessanter Aufsätze und Erzählungen, die uns bereits vorliegen, wird den fünften Jahrgang zu einem ausgezeichneten machen. Literarischer Wochenbericht. Weilburg, im November. Die Glaubenslehre der Synagoge rc. von Steinheim. Besprochen von Rabb. Treuenfels. (Schluß.) In dem bisherigen Theile unsrer Beleuchtung haben wir uns mit dem Vers, auf naturwissenschaftlichem Gebiete befunden und die Fundamente geprüft, die er auf diesem gelegt; wir begeben uns jetzt mit ihm auf das der Metaphysik und sehen uns die Grundsäulen an, die er hier aufstellt. ES ist ihm darum zu thun, auch hier die Unfähigkeit der reinen Vernunft zur Erkenntniß des Realen nachzuweisen, wobei er sich auf Kant's „Kritik der reinen Vernunft" stützt. Er bedarf derselben jedoch nicht insgesammt; wir sollen ex urigue leonem erkennen, d. h. umgekehrt, daß der Metaphyfiker kein Löwe ist, weil ihm die Kralle fehlt, oder nur gut genug ist, daß er stch selbst damit zerfleische. Die Grundsäule der Argumentation, die schon in der ersten Vorlesung (S. 11.) aufgestellt wird, und auf welche der Verfasser sehr oft zurückkommt, ist die zweite Kant'- sche Antinomie, welche das Wesen der Materie als unbegreiflich darthut, mögen wir sie als auS einfachen Theilen zusammengesetzt, oder als unendlich theilbar denken. Wir lassen diese Antinomie als unlöslich gelten und wollen mit dem Vers, nicht darüber rechten, daß er die Lösungsversuche der Nachfolger Kant's außer Acht gelassen (nur Herbart ist S. 14. mit einigen Zeilen abge-