Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1857)
- Date
- 1857-11-30
- Page
- Seite 667 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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667 Lehren nicht umsonst in die Ohren des gewerblichen Wesens gerufen haben. Vor Allem erkenne man, daß alle übermäßige Entwickelung auf ungesunden Ursachen beruhe, die früher oder später ihre nachtheiligen Wirkungen offenbaren. Man überzeuge sich endlich, daß ein sogenannter Aufschwung, der plötzlich kommt und schnell vorschreitet, in falschen Verhältnissen und unrichtigen Bedingungen sich bewegt, die bald zum Nach- und Gegentheile Umschlagen. Der alte Spruch Salomos: „Jage nicht nach Reichthum, um Deiner Vernunft unterlasse es, kaum hast Du den Blick darauf gerichtet, so flieht er fort, wie der Adler in die Luft" — ist nicht blos auf sittlichem Gebiete, sondern auch auf dem industriellen, und zwar dem im größten Maßstabe, noch heute eine volle Wahrheit. Alles, was Haschen nach Reichthum ist und Alles, was dasselbe begleitet, wie Speculationswuth, Lurus, Schwindel, ist für das Individuum,, ist für ein Volk, ist für die ganze Menschenwelt das Verderblichste. Wenn bei solchen Verwarnungen die Leute der Welt über die Moralisten zu höhnen pflegen — nur kurze Zeit, und die Moralisten haben Veranlassung genug, die Männer der Welt zu verhöhnen. In ihrem bitteren Leide gewahren diese dann, daß was die Religion und Sittlichkeit als wahr verkündet, auch durch die Thatsachen der sogenannten wirklichen Welt als alleinige Wahrheit verkündet wird. Kehret zurück zur Solidität im Streben und Wollen, im Erscheinen und Genießen! Erkennet endlich, daß Fleiß, Geschicklichkeit, Talent und Sparsamkeit allein zu dauernd gedeihlichem Ziele führen und noch heute allein Geltung behalten. Und so möge diese Weltkrise nur ein vorübergehendes Gewitter sein, durch welches die schädlichen Dünste des gesellschaftlichen Lebens auf lange Zeit zerstreuet werden! Die Deschneidung in Oesterreich. Die öffentlichen Blätter enthalten Folgendes, worüber wir aber noch keine Privatmittheilung erhalten haben: „Vor einigen Monaten ist eine interessante Streitfrage in Oesterreich aufgetaucht. Ein Israelit, Dr. Levit aus Horic in Böhmen, weigerte sich, seinen neugeborenen Sohn beschneiden zu lassen und vom Rabbiner zur Beobachtung des Ritus aufgefordert, trat er mit einer Vertheidigungsschrift vor die Oeffentlichkeit, in welcher er seine Weigerung motivirte. Die Sache gelangte vor die höchste Behörde und hat dieser Tage erst die endliche Lösung erfahren. Kein Rabbiner, heißt eS in dem Bescheide, könne angehalten werden, ein Kind, welches nicht beschnitten worden, als Mitglied der israelitischen Cultusgemeinde anzusehen. Dr. Levit sei daher anzuweisen, daß er seinen Sohn entweder beschneiden und in der jüdischen Religion erziehen, oder in der christlichen Religion unterrichten und taufen lasse. Ohne bestimmte Religion könne kein Unterthan geduldet werden." Die Gelehrten. Als vor Kurzeur die Enthüllung des Goethe-Schiller-Denkmals in Weimar unter der freudigen Theilnahme von ganz Deutschland gefeiert wurde, waren die deutschen Universitäten und Akademien auch nicht durch einen einzigen Abgeordneten vertreten. Es war keinem einzigen deutschen Universitätssenate auch nur entfernt die Idee einer moralischen Verpflichtung hierzu in den Sinn gekommen. Die „A. A. Z." enthielt hierüber einen trefflichen Artikel, aus dem wir folgende Stelle hervorheben: „Ja, man muß es leider gestehen, die beklagenswerthe THatsache, daß, während Deutschland das Ehrenfest seiner beiden größten Geistesheroen feiert, die Pflanzstätten deutscher Bildung, die Universitäten, an diesem Tag gleichgültig vorübergehen wie an Etwas, das ihnen fremd ist, und daß sie nichts angeht — diese beklagenswerthe Thatsache ist nicht zufällig und vereinzelt) sie ist nur der offene Ausbruch eines schleichenden Uebels, das tief in unser Universitätswesen einschneidet. Es ist ein schwerer, aber gerechter Vorwurf, wenn wir sagen, daß unsere Universitäten mit der eigentlichen Volksbildung und mit der höchsten Blüthe derselben, mit der deutschen Dichtung und Literatur, entweder in gar keinem, oder doch nur in einem sehr äußerlichen Zusammenhang stehen. Kein Franzose, kein Engländer, kein Italiener würde es glauben — und doch ist es leider eine nur allzu beglaubigte Wahrheit — daß keine einzige deutsche Universität danach fragt, ob unter ihren Studierenden die Kenntniß und das Verständniß der großen deutschen Dichter angeregt und verbreitet sei." Und gegen den Schluß: „Woher aber kommt dieses traurige Verhältnis), das sicher dem deutschen Volk nicht zur Ehre und zum Vortheil ist? Den einen Theil der Schuld tragen die Universitäten selbst, den andern die leitenden Behörden. Die Universitäten betrachten sich nach wie vor noch ganz ausschließlich als nur im Dienst der Fachgelehrsamkeit stehend) was nicht ganz und gar in die althergebrachte Claviatur paßt, 49*