Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1857)
- Date
- 1857-11-30
- Page
- Seite 666 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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666 wer mehr verborgt, als er hat, der kann zuletzt selbst nicht bezahlen; und wem nicht bezahlt wird, der kann wiederum mcht bezahlen. Diese einfachen drei Sätze sind der Schlüssel zu der in Rede stehenden Erscheinung. Amerika in einem übertriebenen Lurus, der fälschlicher Weise dem dortigen schwächeren Geschlecht allein zugeschrieben ward, während es die Männer ihrerseits auch nicht fehlen ließen, hat einen übermäßigen Consum entwickelt, wie die Handelsbilanz beweist; dem zu genügen, hat die europäische Industrie eine verhältnißmäßige Höhe erreicht; zum Behuf dieses unerhörten industriellen Aufschwungs hatte das Bankwesen in Amerika und Europa eine übermäßige Ausschreitung erhalten. Nun kann Amerika nicht zahlen, wie in drei Monaten für 90 Millionen Fallimente darthun; in Folge dessen vermag dies auch nicht die europäische Industrie, und können es eben so wenig die Banken, mit deren Noten bis jetzt die Löcher zugestopft waren. Dies ist der ganze Vorgang, alles Uebrige Konsequenz. Der ungeheure Disconto, daß Alles, was unsolid, die Gelegenheit wahrnimmt, um mit sortzuschwimmen u. s. w. Der leichtsinnige Lurus und das unsinnige Creditgeben sind die Wurzel des Nebels. In Amerika hatte Beides die schwindeligste Höhe erreicht. Menschen, denen man im Privatleben keine hundert Thaler anvertraute, konnten Passiva von 50,000 aufhäufen. Der europäische Fleiß muß nun den amerikanischen Leichtsinn bezahlen. Dieser Fleiß ist aber nicht blos der der Reichen, sondern auch der Fleiß und das Brot des Volkes. Auf dieses fallen in letzter Instanz die Folgen am schwersten. Mit welcher Bewußtlosigkeit die Menschen arbeiten, zeigte sich auch hier wieder einmal klar. Vor wenigen Monden noch pochte man in Frankreich und England auf die nie dagewesene Entfaltung der Industrie, welche alle Wirren der Vergangenheit und alle Schäden des letzten Jahrzehends geheilt habe — und jetzt, welche Niederlage! Es ist hier aber der Ort, einen Angriff zuruckzuweisen, der vor einigen Monden von den verschiedensten Seiten erhoben worden. Von allen Seiten erhob man Klagen, daß die eigentliche Geldmacht in den Händen der Juden sei und daß der Geldbesitz immer mehr in die Hände der Juden flösse. Nicht minder beschuldigte man unsere Glaubensgenossen der unsinnigen Speculationswuth und des unerhörten Lurus. Freilich, die „Kreuzzeitung" fügte dem auch die frömmsten Stoßseufzer hinzu, daß die Juden immer mehr in Besitz des Grund und Bodens kämen ~ weil sie nämlich gefunden, daß in Westphalen ein bedeutender jüdischer Rittergutsbesitzer sei — und ähnliche Klagen würden sich gewiß an diese reihen, wenn man Zeit hätte, auf sie zu hören. Vor dem großen Weltgerichte, welches jetzt vor unfern Augen vor sich geht, verschwinden alle diese Jnvectiven zu Nichts. Gerade in Amerika und England spielen die Juden die geringste Nolle; und es ist diesmal der an sich solideste Theil der Industrie, welcher am härtesten betroffen und gerichtet wird. Gerade jetzt wird die ernste Lehre gegeben, daß alle diese Papierspielerei und all' dies oberflächliche Speculiren nur Schaumwellen sind, welche über der tiefen See der eigentlichen Industrie hinschießen, kommen und gehen, ohne wesentlichen Einfluß zu üben; daß es vielmehr darauf ankomme, daß die Weltindustrie nach gesunden Gesetzen der Bewegung und nach den vernünftigen Bedingungen der Bilanz arbeite; es ergiebt sich, daß der wahre Besitz niemals in Händen Einzelner ist, von denen daher auch weder die vorschreitende noch die rückgängige Bewegung abhängig ist und daß das Gebühren nicht Einzelner, sondern der Gesammtheit von wirklichem Einfluß ist. Wahr ist es, und wir verkennen es nicht, daß die Juden in der neueren Zeit vielfach entgegengesetzten Impulsen folgen, wie in früheren; während unsere Vorvordern in ängstlichster Weise ihr Besitzthum verbargen, um nicht die Verfolgungen ihrer unermüdlichen Feinde auf sich zu ziehen, und lieber den Schein der Armuth und des Elends trugen, als sich den traurigen Folgen der Mißgunst und Gehässikeit auszusetzen — lieben die jetzigen Juden es, durch Aufwand und Lurus sich den Anschein des Reichthums zu geben und man kann sie von dem Fehler der Prunksucht nicht freisprechen. Sie hiervor zu warnen, wäre eigentlich mehr Sache ihrer Freunde, denn da wir gesehen, daß der übertriebene Lurus die eigentliche Quelle jenes großen allgemeinen Verderbens, so kann der Lurus vieler Juden diesen eben nur verderblich werden. Auch wissen wir ja nun, daß dieser Lurus viel weniger ein Beweis des wirklichen als des scheinbaren Reichthums ist. Unsere Gegner haben also doppelt Unrecht, ihre Jeremiaden darüber anzustimmen, die viel mehr am Platze wären, wenn die Juden bei reichem Erwerbe mit ihren Ausgaben geizten und Schätze aufhäuften. Aber es ist nicht wahr, daß die Juden mehr erwerben als Andere, als vielmehr, daß sie leichter ausgeben als Andere. — Wie dem aber auch sei, die kleinere Krise des vorigen und die größere dieses Jahres dürfen ihre großen