Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 48 (23.11.1857)
- Date
- 1857-11-23
- Page
- Seite 660 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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660 und Toskana gegen sie geübt wird, und daß also, waS eine Kirche in dem einen Lande zu leiden hat, durch das gerechtfertigt wird, waS sie in einem anderen Staate leiden läßt. Ueber den Vorgang in Schweden berichtet die „National-Zeitung" in folgender Weife: „Das Schicksal der königlichen Proposition über die Erweiterung der Religionsfreiheit ist nun entschieden, und zwar in einem der Gewissensfreiheit und dem Fortschritt in religiöser und politischer Beziehung ungünstigen Sinne entschieden, indem, einer telegraphischen Depesche aus Stockholm vom 1. November zufolge, am 31. v. M. Adel und Ritterschaft dieselbe pure ablehnten, Priester- und Bauernstand sie an den Gesetzausschuß, der das im Allgemeinen die Annahme widerrathende Gutachten über dieselbe abgegeben hatte, zurückverwiesen (was einer wenigstens theilweisen Ablehnung gleichkommt); nur der Bürgerstand hat die Proposilion pure angenommen. Diese Beschlüsse wurden am 31. Oktober in den Plcnis der vier Stände gefaßt, die aber nicht, wie es in der in Rede stehenden Depesche heißt, mehrere Tage hindurch Separatsitzungcn gehalten haben können, da die gemeinsamen Berathungen aller vier Stände frühestens am 29sten beendigt gewesen sein können. Jedenfalls ist dieses Resultat langer und lebhafter Debatten nicht dazu angetban, die öffentliche Meinung für das protestantische Schweden zu gewinnen, das, statt dem vor länger als 200 Jahren von Gustav Adolf.gegebenen leuchtenden Beispiele zu folgen, an den Satzungen des Mittelalters mit Zähigkeit festhält, und, was besonders den beiden privilegirten Ständen zur Last fällt, dem bösen Geist der Unduldsamkeit seinen guten Ruf opfert, den zu wahren die Regierung sich redlich bemüht hatte." Rußland. Howogradnolinsk, im Oktober. (Privatmitth.) ES ist schon oft bemerkt worden, und kann nicht genug wiederholt werden, daß bei uns jeder Impuls zum Bessern nie von innen heraus gegeben worden, sondern stets als ein Werk, daS von außen kommend, in daS innere Leben sich nur allmählig einen Weg bahnte. — Bei uns erhob sich kein Mendelssohn mit seiner zahlreichen Schule, die das Panier der Aufklärung bei den deutschen Juden getragen, die so viel Thatkraft entfaltet, so viele Geldopser nicht gescheut, Institute zur Beförderung der Cultur und Bildung inö Leben zu rufen und ihr Volk aus dem dumpfen Schlafe verschollener Jahrhunderte durch die mächtige Stimme der Vernunft zu wecken, — jeder Schritt zum Zeitgemäßen bei uns geht einzig und allein von der wohlthätigen Hand der Regierung aus; — daß sie auf Widerstand und jegliche Hemmnisse stößt, — und daß ihre Institute Verdächtigungen und Anfechtungen finden, lehrt uns die tägliche Erfahrung — das sehen wir überall, wenn wir einen Blick in die innern Zustände der Schulen werfen. — Wir müssen cs ihr also herzlichen Dank wissen, daß sie in steter Rücksichtnahme auf die innere Stimmung und Geistesrichtung hiesiger Juden behutsam zu Werke geht. — Dieser Vorsicht ist es auch zuzuschreiben, daß man vorzüglich bei der Anstellung der Religionslehrer der Orthodorie, zu welcher doch zweifelsohne die Mehrzahl hiesiger Juden zählt, große Rechnung getragen , indem man selbst Lehrer namentlich bevorzugt, die dieser Richtung angehören und sich nicht merklich durch moderne Bildung Hervorthun. — Das aber muß jeder Unparteiische gestehen, daß sie sich durchgängig durch gründliche Kenntnisse unserer theologischen Bücher und strenge religiöse Praxis auszeichnen — welches bei dem Sachverhältniffe hier sehr Noth thut. — Ich kenne sehr viele Lehrer in unserer Gegend, und weiß von keinem Einzigen, der das Heilige in Israel profanirte. — In wie fern eS den wissenschaftlich gebildeten Lehrern zum Vorwurfe gereicht, daß sie Autodidakten sind, darauf mögen die zahlreichen Beispiele antworten — welche freilich ihre Philosophie, Dichtkunst und immenses Wissen nicht von den Schulen geholt, aus deren Quellen der Referent über Brody in No. 10. dieses Blattes geschöpft. Ob eS praktisch wäre, daß der Lehrer kein Kauderwelsch sprechen, und sich also den Kauderwelsch sprechenden Jüngelchen nicht verständlich machen könne? frage man so viele christliche Lehrer, die uns um diesen Vorzug beneiden, indem, wie sie versichern, wenn sie das Mittel hätten, sich den jüdischen Schülern verständlich zu machen, sie weniger Mühe und Zeitaufwand nöthig hätten. — Sie, geehrter Herr Doctor, der Vielerfahrene, der so gut unser Volk kennt, und so klar schaut, was ihm frommt und nützt, können am besten urtheilen, obdaS Werk der Reform eines so weit zurückstehenden Volkes, wie es unstreitig die große Masse unserer Judenheit