Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-11-23 · Heft 48 (23.11.1857) · p. Seite 654

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 48 (23.11.1857)
Date
1857-11-23
Page
Seite 654 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226088--16517-3245379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

654 Wahrer Euch in Eurem eigenen Lande, daß es Euch anderswo nicht ergehe, wie Ihr es Anderen in Eurem Lande thut! Die Solidarität nicht nur der ganzen civilisirten, sondern der ganzen Menschenwelt in der Sache der Religionsfreiheit stellt sich hierbei glänzend wieder heraus, und es macht einen eigenthümlichen Eindruck, bei dieser Gelegenheit Blätter, die sonst der Religionsbeschränkung z. B. gegen die Juden, das Wort reden, hier sich ganz so aussprechen zu sehen, wie man die bürgerliche Gleichstellung der Letzterern zu vertheidigen pflegt. Die Allg. Augsb. Zeitg. führt Auszüge, z. B. aus dem „Constitutionel" an, die sie der höchsten Beachtung würdig erklärt. Hier heißt es unter Anderm: „Wir könnten Reden citiren, die dem Leser um ein paar Jahrhunderte rückwärts liegend dünken würden. Peter der Einsiedler konnte nicht heftiger auftreten, als er den Kreuzzug predigte. Darf man sich wundern, daß die Geistlichkeit, der Adel und der Bauernstand die königliche Vorlage abgewiesen, nachdem schon das oberste Tribunal und die ständische Commission ihr Todesurtheil ausgesprochen? Ist aber damit die Sache der Religionsfreiheit in Schweden als aufgegeben zu betrachten? Gewiß nicht. Der aufgeklärteste Theil der Nation — das zeigt das Votum des Bürgerstandes — ist schon gewonnen. Und gewiß finden sich auch unter Denen, die dagegen gestimmt haben, Leute, die im Herzen dafür sind, aber durch Kastenvorurtheil und durch Menschenfurcht beherrscht waren. Eben so einflußreich wird die Glaubensbewegung sein, die sich im Schoße des Protestantismus nicht allein in Frankreich und den katholischen Ländern, sondern auch in England, Holland und Deutschland erhoben hat, und zur Aufklärung das Ihrige beitragen. Der gesunde Menschenverstand muß, wenn er auch schwere Arbeit hat, über ungerechte Vorurtheile siegen. Geht es das erste, das zweite Mal nicht, das dritte Mal muß es gehen. Es isttz die Pflicht der Presse, gegen diese Jrrthümer auszutreten, die systematische und gewaltthätige Intoleranz der schwedischen Stände nimmt die ernste Aufmerksamkeit aller Freunde der Gewissensfreiheit in Anspruch. Wir geben im Folgenden ein Bild der Verhandlungen. Um diesen Gegner zu schlagen, genügt es, daß man seine Gründe kenne und seine eigenen Worte anführe." — Auch in einem anderen Erdtheile kommt die Religionsfreiheit jetzt vielfach zur Sprache. In England discutirt man die Frage, wie nach der Pacificirung Indiens die einheimischen Religionen zu behandeln seien. Im M. Advertiser macht man den Vorschlag: künftig keinem Hindu oder Mohamedaner Vertrauen zu schenken oder ein Amt zu gewähren, bevor er sich nicht zum Christenthum bekehrt habe, und nur einem Christen zu gestatten, Waffen zu tragen — was freilich leichter gesagt, als gethan. Die Augsb. Allg. Zeitg. macht hierzu folgende Bemerkung: „Vielleicht könnten die Engländer, was die Behandlung der einheimischen Religionen in Indien betrifft, etwas vom Kaiser Akber (1542—1605) lernen, der mit Recht der Große hieß. „Akber (sagt Bohlen, „das alte Indien", I.» S. 105.) dachte zu vernünftig, um die damaligen Jnquisitionsgreuel zu Goa der christlichen Religion zuzuschreiben, und war weit entfernt, die Unduldsamkeit der Christen mit gleichem Maß zu erwidern. Die Portugiesen hatten einem Hund den Koran angehängt; aber seiner zärtlich geliebten Mutter, welche rieth, es mit der Bibel eben so zu machen, erwiderte Akber: „„Ein König muß nicht Böses mit Bösem vergelten; die Verachtung irgend einer Religion ist eine Verachtung Gottes, und Er will nicht, daß man Ihn an einem unschuldigen Buche rächen soll."" „„Sind nicht"", sagte Akber zu seinem Sohne Dschehangir, der uns dieses aufbewahrt, „„fünf Theile der -Erdbevölkerung Ungläubige, und ist nicht Gott gegen Alle gütig? warum sollte denn die irdische Majestät es nicht sein?"" Die Religionsveränderung Einzelner liebte Akber nicht, er pflegte irdische Vortheile vorauszusetzen, und wollte, daß sein ganzes Volk durch gründliche Ueberzeugung refvrmirt werde, fand aber bei den Brahmanen unübersteigliche Hindernisse." Eine eigenthümliche Rede hielt der Herzog von Newcastle bei einem Meeting des Bibelvereins. Wir stellen den Hauptsatz hierher, müssen ihn aber mit einigen Bemerkungen begleiten. „Unmöglich", sagte er, „wird Jemand behaupten wollen, daß das Princip zwangsweiser Bekehrung den Sitten des englischen Volkes oder dem Geist des Christenthums entspricht.*) Wir können nicht die Theorien des Talmud befolgen,**) noch können wir, als Christen, die Trug- *) Ist es dem Herrn Herzog unbekannt, wie oft das Schwert zur Verbreitung seiner Religion angerufen worden? **) Welche sind „die Theorien des Talmuds", die der edle Herzog hier meint? Wir kennen keine Stelle in demselben, die „das Schwert gegen die Ungläubigen" und zur Verbreitung des Judenthums aufruft, wie dies in anderen Religionsschriften geschieht. Der hochadlige Redner verwechselt hier den Talmud mit ihm viel näher liegenden Büchern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.