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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-11-23 · Heft 48 (23.11.1857) · p. Seite 652

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 48 (23.11.1857)
Date
1857-11-23
Page
Seite 652 (sequence 2)
Language
German
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6L2 österreichische, der russische Staat eine mehr oder minder große Zahl von Nationen umfaßt. Die Geschichte erweist uns sogar, daß micht immer der Staat, der aus einer einzigen Nation bestand, der dauerndste, kräftigste und glücklichste war. Wir müssen daher von vorn herein aufs Entschiedenste abweisen, daß es den Juden in ihrer gesellschaftlichen Stellung, in ihrem staatlichen Mitleben Eintrag thun sollte, wenn sie selbst in der Zerstreuung noch eine Nation bilden sollten. Jndeß ist die Abstammung zwar eine unerläßliche, aber doch nur die erste Bedingung der Nation. Die zweite ist die Sprache und die dritte das Schicksal. Erst durch die Vereinigung dieser drei Momente ist eine Nation wirklich, was sie bedeutet, eine einheitliche Gestaltung auf dem Fundamente der Abstammung. Hiernach sieht man leicht ein, was die von den Judenfeinden so oft vorgebrachte Phrase, daß die Juden noch heute eine Nation seien und die von den Judenfreunden eben so oft ausgesprochene, daß sie keine mehr seien, zu bedeuten haben. Beide sind illusorisch, denn die Juden bilden gegenwärtig keine Nation mehr, aber ihre religiöse Gemeinde beruht auf der nationalen Unterlage der Abstammung. Wenn ihnen die Sprache fehlt, welche das zweite nationale Band ist—indem die hebräische Sprache auch bei den Juden nur eitle todte, erlernte, von der Mehrzahl weder gesprochene, iloch selbst nur verstandene ist, wenn diese vielmehr aus einem nationalen Elemente zu einem rein religiösen geworden ist, da sie für die Masse nur noch Sprache des Culrus ist, wenn eben so wenig die Identität des Schicksals und der Ereignisse für sie besteht, da eine solche Gleichheit jetzt nur noch in ganz allgemeinen, kaum etwas eoncreten Zügen, so wie in einer gewissen Solidarität und Sympathie vorhanden ist, da ferner irgend eine Aehnlichkeit und Vereinigung von Bestrebungen unter ihnen sich lediglich um religiöse Zwecke, niemals aber um gesellschaftliche, gewerbliche oder dergleichen dreht; da sie endlich auch in Sitte und Lebensgcwohnheiten, in äußerer Erscheinung wie in der Erziehung sich den Völkern schon säst ganz aecommodirt haben: so ist es gänzlich falsch, den Inden noch heute den Charakter einer Nation beiznlegen. Hingegen ist es eben so willkürlich, zu verkennen, daß die Juden noch heute eine nationale Gemeinsamkeit haben, da sie aus einem und demselben Stamme hervorgegangen sind und ihren Stamm unvermischt erhalten. Denn wenn auch hie und da eine kleine Zahl gemischter Ehen besteht, wenn hie und da eine kleine Zahl Proselyten zum Judenthume übergegangen, so will dies gegen die Gesammtheit viel weniger sagen, als auch bei allen Nationen immer kleine Zersplitterungen und Aufnahmen stattfinden, ohne daß sie als Nation dadurch berührt werden. Auch ist es nicht zu verkennen, daß eine religiöse Gemeinschaft, die so stark markirt ist, daß sie an derselben Abstammung fest hält, immerhin auf Sitte und Lebensart noch einen bedeutenden Einstuß übt, der aus dem Religiösen in das Nationale hinüberspielt, und endlich lassen sich die Spuren tausendjähriger Geschichte nicht so schnell und nicht so gänzlich verwischen, daß nicht selbst in Denen, welche sich am weitesten davon dünken, ein gewisses Gemeinsames und Charakteristisches zurückbleibe. Man hat oft hervorgehoben, daß die Juden von Marokko und die polnischen, daß die englischen und türkischen Juden in ihrer Physiognomik sehr viele Verschiedenheit aufweisen, und sich dem Typus der verschiedenen Nationen nähern; dem ungeachtet ist auch die Aehnlichkeit in Form und Wesen, in Lebendigkeit und Charakterscha'rfe nicht abzuläugnen. So sicher also die Inden keine Nation mehr bilden, so gewiß ist es auch, daß ihre religiöse Gemeinschaft auf einer nationalen Unterlage ruht, ein bedeutsames nationales Element in sich trägt. Dieses Verhältniß ist allerdings ein außerordentliches, aber es ist so. Eine Neligion, beruhend auf der Nation, ist int Alterthum die gewöhnliche Erscheinung; das Ungewöhnliche liegt darin, daß die Neligion bestehen blieb, als die Nation aufgehört; und das noch Ungewöhnlichere, daß die Religion sich einen nationalen Boden erhielt, nachdem die Nation aufgehört hatte. Aber dieses Factum erweist sich nicht nur in der ganzen Geschichte des jüdischen Stammes, sondern findet auch seine Lösung in dem Berufe, in der Mission, in dem ganzen Lebensinhalte dieses Stammes. Die Nationalität in Israel war stets an das Religiöse gebunden, und welcher große oder kleine Theil sich von der Religion loslöste, ging verloren, indem er sich mit den umwohnenden Völkern vermischte, wie z. V. die zehn Stämme, die Enußim in Spanien. Aber nicht minder war das Religiöse gebunden an daS Nationale. Wir sehen mitten unter den heidnischen Völkern eine kleine Nation erstehen, welcher die reine Gotteslehre und deren Conftquenz: die reine Sittenlehre, auf dem Grunde des Gesetzes der Heiligung übergeben ward; wir sehen diese Nation im Gegensatz zur ganzen Welt des Alterthums diese Lehre in sich wurzeln machen, sich mit ihr identificiren, für sie bald ausdauernd den Einfluß der herrschenden Völker ablehnen (Babylonier, Perser), bald Gewalt mit todesmu-

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