Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1857)
- Date
- 1857-11-16
- Page
- Seite 642 (sequence 6)
- Language
- German
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642 Hessen ist vom Königl. Ministerium der Culte zum Bezirksrabbinen in Freudcnthal ernannt worden. — Das „Sonst und Jetzt" in der bürgerlichen Stellung der Israeliten tritt bei allen öffentlichen Gelegenheiten deutlich an den Tag. Bei den deutschen Kaiserwahlen in Frankfurt a. M. wurden die Juden in die Judengasse eingeschlossen; anders ist eS jetzt; bei den glänzendsten Hoffesten wirken Juden mit. Bei der Zusammenkunft der beiden Kaiser in Stuttgart glänzte der Hofsänger Sontheim in den beiden Festopern als eine erste Größe der europäischen Opern. Alle Kunstkritiken rühmen den ungewöhnlichen Umfang seiner Stimme, die das obere „c“ noch mit der Bruststimme singt. — In der Wilhelm«, einem Königlichen Parke mit prachtvollen Landhäusern, wo der Nimbus der Königlichen Gastlichkeit sich entfaltete, zogen d'ie Sculpruren unseres GüldensteinS die Blicke der kaiserlichen Besucher auf sich. — Bei der denkwürdigen heurigen Badesaison in Wildbad wurde unser Hofmusiker, als virtuoser Pianist bekannte Winternitz vor die Kaiserin Mutter berufen, um feine Meisterschaft vor den allerhöchsten Herrschaften zu entwickeln. Er wurde von der kaiserlichen Huld durch ein kostbares Andenken bedacht. — Wir geben diese Thaisachen nur als Staffagen zur Culturgeschichte der Israeliten. — Die „Times", die auch ihren Specialcorrespondenten zur friedlichen „Zweikaiserschlacht" nach Stuttgart entsendete, sagt unter Anderem: Besonders empfehlenswerth, wie das schon im „Murray" stehe, sei das Hotel Marquardt; dieses Haus aber enthalte noch einen, von Murray nicht erwähnten sehr großen Reiz für Engländer, nämlich seinen Balcon, dessen Einfassung aus dem eisernen Käfig geschmiedet sei, in welchem einst der Finanzminister Jud Süß lebendig aufgehängt war. Der Correspondent giebt eine kleine Skizze von jener berühmten Episode der deutschen Finanzgeschichte und bemerkt: „Damals verstand man die Lehre von der ministeriellen Verantwortlichkeit besser als heutzutage." Der „Stuttgarter Beobachter" sagt: Er hätte beifügen können, daß, wenn der ägyptische Joseph, nach Goethe, der erste jüdische Finaiizminister war, Herr Süß noch lange nicht der letzte gewesen sein wird. Herr Marquardt aber darf Acht geben, daß nach dieser Empfehlung sein Balcon nicht stückweise von englischen Reliquiensammlern nach England erportirt wird. Das Hotel Marquardt war viele Jahre im Besitze deS Hofagenten S. I. v. Kaula und so diente also der eiserne Käfig des Hingerichteten jüdischen Finanzministers zur Zierde eines ansehnlichen jüdischen Hauses. Das ist der Humor der Geschichte, der die Vergangenheit oft ins Tragikomische umgestaltet. — Wiederholt haben sich die Vorsteher angesehener amerikanischer israelitischer Gemeinden nach Württemberg um die Mittheilung der Synagogenordnung, die schon seit 25 Jahren in Wirksamkeit ist, gewendet, um sie dort einzuführen. In Chicago soll sie der Damm gegen erlreme reformistische Bestrebungen werden. DaS hätten unsere Synagogcnordnung-Protestanten wohl nimmermehr sich träumen lassen, daß diese noch in Amerika ein svnnb vo werde. — Im benachbarten Baden giebt sich der israelitische Oberrath viel Mühe, ein jüdisches Schullehrerseminar zu Stande zu bringen. Das theologische Mitglied dieser Behörde soll auf einer Rundreise Agitation in dieser Richtung gemacht haben, und als schlagenden Beweis für die Unabweiöbarkeit der Gründung jüdischer Schullehrerseininarien führte er in einer Rede die Thatsache an, daß ein Schulamtscandidat beim Eramen nicht gewußt habe, wie die Nachbeim Genüsse des Weines laute. Wir bedauern diese Ignoranz in religiösen Dingen; übrigens kommt bei seinen Gehalksverhältnissen der jüdische Lehrer selten in die Lage, Gebrauch von der Nachbenediction beim Weingenusse zu machen. Ich möchte den jüdischen Pädagogarchen vorschlagen, auf ihren Visitationsreisen die israelitischen Lehrer nach dem rvoan nVapa yi:n zu fragen, der wird ihnen wohl geläufiger sein. Worms, im October. (Privatmitth.) Zu den jüngst von Ihnen erwähnten zwei (einem rumänischen und einem deutschen Blatte) eingegangenen Zeitschriften ist noch daS deutsch-englische Blatt „The voice of Israel“ hinzuzufügen, dem wohl auch bald das ebenfalls in San Francisco erscheinende Blatt „The weekly Glcaner“ aus Ueberfluß an Abonnentenmangel, wie man mir von dort schreibt, folgen wird. — In dem letztgcdachten Blatte fordert ein Herr A. F. in einem herzlich schlechten Hebräisch einen Herrn I. G. zu einer Disputation auf, in welcher er beweisen wolle, daß Herr G. nicht das Geringste von mp’nai mu^ma verstehe, obwohl derselbe als qrrd snm 'ai 'ia sich titulirt. Ein charakterisirendes Moment zur Beurthcilung amerikanisch-jüdischer Zustände. — Nach dem „Gien d’Israel“