Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1857)
- Date
- 1857-11-09
- Page
- Seite 631 (sequence 9)
- Language
- German
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631 metcn, die ungeheuren Bruchtheile der Massen aber noch im Dunkeln lagen, eS jetzt umgekehrt der Fall ist, und die Massen in immer gewaltigerer Strömung von der Aufklärung ergriffen werden, während die Spitzen der Gesellschaft und der Wissenschaft sich von dem Tageslicht dieser Aufklärung abgewendet haben — dies wäre aber wahrlich kein Rückschritt. Man braucht übrigens doch nur die allgemeinen Grundsätze, welche die Gesellschaft und die Wissenschaft durchdrungen haben, mit denen vor einem halben Jahrhundert, wo auf ein Meer von Phrasen nur einige Tropfen Thatsachen kamen, zu vergleichen, um unsrem Correspondenten nicht Recht zu geben. Sollte eS aber wahr sein, daß die Aufklärung einerseits von dem officiellen Aberglauben, andererseits von dem officiellen Unglauben (in der Wissenschaft) sich zurückdrängen ließ: so hätte die Aufklärung sich selbst anzuklagen, und wir müßten, statt die Mitwelt anzuschuldigen, vielmehr die Ursachen erforschen, aus denen heraus die Aufklärung sich so schwach gezeigt hat. Die erste dieser Ursachen wird wohl sein, daß die Aufklärung ihre Jünger durchaus nicht zu enthusiaSmiren vermochte, so daß diese mehr mit Worten als mit Thaten bereit waren, daß darum die Apostel der Aufklärung, so wie ein Kampf sich erhob, schmählich verlassen wurden, und wenn sie nicht untergehen wollten, zu TranSactionen die Hand bieten mußten, waö natürlich ihren Gegnern nur als Zeichen der Schwäche erschien. Ferner, daß die Aufklärung sich die Sache allzu leicht gemacht, sich in ihrer Phantasie tabula rasa der realen Welt und die Leidenschaften des Menschen hinweg gedacht, daß sie demnach, anstatt gründlich ihre Erislenz in dem Bestehenden und Geschichtlichen sorgfältig nachzuweisen, das von den Schlacken gereinigte Bestehende und Geschichtliche zu ihrer Unterlage zu machen, und so auch die Neigungen des Menschenherzens an sich zu knüpfen, Kartenhäuser gebaut, welche jeder Faustschlag zertrümmerte. Was Wunder, daß die Nachkömmliitge jener „Greise", welche der Correspondent so beredt anredet, die Arbeit von Neuem beginnen mußten, und diese ihnen um so viel saurer wird. Haben jene „Greise" in ihrer Jugend keine Ahnung gehabt von dem, waö nachher gekommen, so thut es uns leid, darin nur ihre Kurzsichtigkeit zu gewahren. ES gilt hier nicht, mit Worten zu streiten, wir können aber nicht läugnen, daß die Aufklärung vor fünfzig Jahren alles Menschliche und alles Menschengeschlechtliche in die Region einer oberflächlichen Vernünftigkeit gebracht, daß sie z. B. die Religion der Gefühls- und Gemüthswelt und der Phantasie völlig entrücken und zu einer kleinen Sammlung abstracter Begriffe machen wollte, daß diese Aufklärung daher dem Jndifferentismus gegen alles Höhere Thor und Thür geöffnet und daß sie nicht minder die Sittlichkeit im individuellen Leben geschwächt hat. Hieraus haben ihre Gegner die stärksten und schärfsten Waffe» gezogen, und, waS noch mehr ist, man wurde um der schwachen Erfolge willen gleichgültig gegen sie. ES ist immer schlimm um eine große Richtung in der Menschenwclt, wenn ihr Nutzen und ihr Inhalt erst aus der Schädlichkeit des Gegensatzes erwiesen werden muß. Wir geben zu, daß dieser große Gegenstand auf beiden Seiten hiermit noch nicht im Geringsten erschöpft ist.) Hannover, im Oktober. (Privatmitth.) In der uns nahe gelegenen Stadt Burgdorf kam kürzlich folgender Fall vor. Bei der Erwählung von Schöffen der genannten Stadt für das folgende Jahr wurden auch zwei Israeliten erwählt. Gerichtöseitig wurde jedoch Anstand genommen, solche als Schöffen zuzulassen, da der von solchen zu leistende Eid nur in christlicher Form vorgeschrieben und eS nicht zugelassen sei, daß derselbe auch nach den Vorschriften für die Eidesleistung der Juden auögeschworen werden könne. Mag man nun auch zugcbcn, daß hier ein Mangel im Gesetze vorzuliegen scheint, so ist doch leicht einzusehcn, daß es nicht die Absicht unserer Regierung sein konnte, die Israeliten, wie es das Burgdorfer Amtsgericht gethan, von dem Amte eines Polizeigerichtsschöffen auszuschließen, waö nicht allein die Thalsache beweist, daß an anderen Orten des Königreichs Israeliten alö solche bereits seit dem Bestehen dieses Instituts sungiren und sich des allgemeinen Vertrauens würdig gezeigt haben, sondern auch, daß ihnen das wichtigere Amt eines Geschworenen ohne bas geringste Bedenken übertragen wird und eben das Gesetz durch ausdrückliche Bestimmungen dafür gesorgt hat, daß die israelitischen Staatsbürger an der Ausübung ihres Rechtes nicht behindert werden sollen. Wenn nun bei der Wahl der Gerichtsschöffen die allgemeine Vorschrift gilt, baß alle diejenigen Personen zu diesem Amte berufen werben können, bei 46