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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-11-09 · Heft 46 (9.11.1857) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 46 (9.11.1857)
Date
1857-11-09
Page
Seite 630 (sequence 8)
Language
German
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630 genwärtig feinen Grund au einem andern Urtheil. Da ist z. B. der Stuttgarter Kirchentag, der mit zum Himmel gewandten Augen dasselbe wiederholt, was alle Judenfeinde in Europa ohne Ausnahme seit Jahrhunderten gesagt haben: die Juden sollen fort nach Palästina! Aber wird es darum in Deutschland, in England, in Frankreich, in Holland an Juden mangeln, die nicht etwa blos die jüdischen Armen, die einmal dort sind, unterstützen, sondern auch Mittel ersinnen, um die (nach altorthodoren Grundsätzen lediglich bei eingetretener Gecilla Schelema rathsame) Einwanderung dahin zu befördern? Es giebk Vereine, Stiftungen, Vermächtnisse u. s. w., um diese tbörichten Zwecke zu befördern, aber von einer Anstalt, um die von schwärmerischen Eltern unverantwortlicher Weise mit dorthin gebrachten oder dort erzeugten Kinder der Civilisatio» in europäischen Ländern wiedcrzugebcn, hat man noch nichts vernommen. Ferner: der indische Aufstand hat uns gezeigt, welcher Stufe von Bildung daS wüthende Vcrtheidigcn von allen Küchen- und sonstigen Ceremonialgesetzen angehört — was sehen wir aber bei uns? Jeder Jahrgang dieser Zeitung zeigt unS den Fortschritt deS Nückschrills in Israel, durch Frankel und die Philologen, durch Hirsch und die Romantiker, durch Fasset und die Legisten hindurch bis zu dem Punkt, wo ein langes und wohl erfolgloses Plaidoyer nöthig wird, um unschuldige Lehren, die nicht den Glauben an das Gespenst von En-Dor lehren wolle», zu rechtfertigen — was sage ich — nein, nur zu entschuldigen. Ja, wir haben gesündigt, gleich den Engländern. So wie diese die Nachsicht mit dem Götzenthum, so haben wir die mit der Wcrkheiligkeit, mit der Symbololatrie, mit der Leichenausschmückung zu weit getrieben, und wir können cö nicht verantworten, wenn wir so fortfahren. Und dennoch ist ein Panier da, um das jeder Lehrer in Israel seine Schüler, groß oder klein, sammeln und es alö ein unverkennbares Zeichen der Zeit erheben kann. Ich meine die Aufklärung, diese segensreiche Thätigkeit, die eine Generation von vielschwatzcnden Consequenzmachcrn schon beseitigt wähnte, und welche die Menschenwelt jetzt wieder auö ihrem vermeintlichen Grabe Hervorrufen müßte, wenn sie nicht eben gar nicht gestorben wäre. Aber sie könnte vor jene Klüglinge treten und fragen: was habt Ihr während der fünfzig Jahre, da Ihr daS Regiment führtet, auS der civilisirten Menschheit gemacht? Die Finsterniß, die an den beiden äußersten Enden der Gedankenreihen, wo nur eine Scheidewand zwischen Menschen denkbar ist durch Stand, durch Sprache, durch Farbe, durch Abstammung, durch Besitz, durch Glauben, Ihr habt sie zehnfach wieder aufgebaut und befestigt, lauerte, Aberglaube und Unglaube bricht täglich wieder herein; in immer mehr Ländern wird Wissenschaft und Denksreiheit in Bann gelegt; allgemeine Menschenliebe wird immer mehr aufgegeben, biö zu der Rechtfertigung des SclavenhandelS, bis zu den schwedischen Convertitenstrafen, bis zu den belgischen Armenstiftungsgesctzen, bis zu der parteiischen Austheilung der Gaben für die Krimkämpfer, bis zu neuen Judenquarticrcn in Galizien, bis dahin, daß mitten in Europa Biele die indische Kasteneintheilung nachahmenswürdig finden, und gern auS dem Haupte BramaS entsprungen sein wollen, wenn nur ihr armer Nachbar für ein Erzeugniß der Fußnägel erkannt wird. Und der officielle Aberglaube, er erzeugt jährlich, täglich neue Gestaltungen: den Geisterklopfer Hume wie die chassidäischcn Hercnmeister in Polen. — O, saget Ihr Greise in unserer Mitte, hättet Ihr in Euern jungen Jahren, in den Jahren der allgemeinen fortschreitenden Aufklärung, solchen Rückgang auch nur für möglich gehalten? Ja, die Aufklärung ist kein leerer Schall, mitten zwischen Bigotterie und Materialismus hält sie ihre Sonne empor, und in ihren Strahlen keimen, blühen, reifen die Früchte der Humanität, der allgemeinen Wohlfahrt, der gegenseitigen Achtung und der Brüderlichkeit. Ihre Bahn heißt: daS Eingehen in die rein menschlichen gangbaren Anschauungen, Ideen und Neigungen, und das Ausbauen deS Gemeinschaftlichen in denselben für den Einzelnen zu einem frohen und glücklichen Leben und für die Gesammtheit zu einem wohl-thätigen Frieden! (Nachbemerkung der Redaction. Wir können die Erpectorationen unsres geistreichen Correspondenten nicht ohne einige Bemerkungen lassen. Die Aufklärung, ja die Aufklärung — aber wir können cs ihm nicht zugeben, trotz allen angeführten Beispielen , daß die Aufklärung in den letzten fünfzig Jahren nicht ununterbrochen Fortschritte gemacht habe. ES mag sein, daß, während in früherer Zeit die Spitzen der Gesellschaft und der Wissenschaft Aufklärung ath*

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