Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1857)
- Date
- 1857-11-09
- Page
- Seite 628 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«28 halt ist verhältnißmäßig gering, ausreichend für einen einzelnen Mann bei bescheidenen Ansprüchen, keineswegs aber zur Erhalnuig einer Familie. Würde Jemand aber anderweitig die Mittel besitzen, sich alS Familienvater hier zu erhalten, io gedenkt die Verwaltung des Tempels, so weit unS die Verhältnisse bekannt sind, nicht im mindesten daran, ei» EölibatSgesetz für ihre Angestellten zu erlassen; die Vorzüge, die in einem begründeten Familienverhältniß liegen, sind auch ihr nicht verborgen. Da aber in kleinen Orten leicht die Meinung entsteht, die angegebene Summe sei bedeutend, sei ausreichend, auch weitergehenden Ansprüchen zu genügen, so wurde mit Vorsicht die Bedingung des NichlverheiralhelseinS gestellt, und nur so soll sie verstanden werben. Nichts ist aber weniger gemeint, als daß die Stellung eines solchen Candidalen nicht in sich selbst Hülfsguellen habe, ihm eine höhere und bessere Lebcnse.risten; zu verschaffen. Vielmehr glauben Diejenigen, die daS wahre Wohl der Anstalt im Auge haben, sie sei einer weitern Entwickelung fähig und bedürfe deren auch in hohem Maße. Im Wesentlichen steht der Tempel noch auf der Stufe, auf der er bei seiner Gründung gestanden hak: er ist ein gottesdienstliches Institut zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse Derjenigen, die an den, Herkömmlichen sich nicht mehr betheiligen konnten. Die Umstände um ihn her aber sind in vierzig Jahren gänzlich verändert, die Opposition hat aufgehörr, Generationen sind entstanden, die nicht mehr mit den erstarrten Gebilden des Conscrvalismus kämpfen wollen, sondern Nahrung suchen für Geist und Gemüth. Nicht also gewisse Formen deö Gottesdienstes sind jetzt das Wichtigste, sondern ein positiver Inhalt, eine Anleitung zur Vereinigung des praktischen Lebens mit dem Bcdürfniß des Herzens. Die Frage der religiösen Erziehung der Jugend tritt in den Vordergrund, und die dabei sich ergebenden Schwierigkeiten sind für uns noch nicht gelöst, können auch nicht durch die angestrengteste Thätigkeil eines Einzelnen gelöst werden. Hier i|t ein weites Feld für eine neue, junge und rüstige Kraft, ein Tummelplatz für die lebendigste Thätigkeil, und nicht nur die äußere Subsistenz eines jungen Mannes kann verbessert werden, ein ehrenvollster Platz in unserer Gesellschaft ist zu gewinnen. Verschiedene Versuche, eine Religionsschule zu begründen, sind bis jetzt nicht gelungen, die Absicht ist aber nie aufgegeben, und wird immer wieder ausgenommen werden, wenn größere Aussicht auf die AuSfüh- . rung sich zeigt. — Nicht minder als für die Jugend kann auf die Erwachsenen gewirkt werden. Ein großer Theil unserer Gemeinde ist durchaus verhindert, an dem regelmäßigen Gottesdienst Theil zu nehmen, nicht durch Gleichgültigkeit, sondern weil die Ansprüche an das äußere Leben sich so gebieterisch gellend machen, daß die weniger laut pochende Religion darüber zurückstehen muß. Nur selten, wenn ein jüdisches Fest mit einem Sonntag oder einem anderen christlichen Feiertag zusammenfällt, können sie dem Wunsche ihres Herzens, das Gotteshaus zu besuchen, Genüge leisten. Wie nahe dabei aber die Gefahr ist, daß zumal die Jüngeren dem Judcnthum auf diese Weise ganz entfremdet werden, liegt zu Tage. ES muß eine Form gesunden werden, auch diese Zurückbleibenden zu fesseln: durch einen Mann, dessen Zeit und Kraft anderweitig nicht so sehr absorbirt werden, gewinnt solcher Wunsch größere Wahrscheinlichkeit der Erfüllung. Utid können nicht dem Judenthum durch Vorträge, die auf seinen Inhalt sich beziehen, ohne mit dem Culttts in Verbindung zu stehen, ebenfalls große Dienste geleistet werden? Sehen wir ferner ab vom speeiell Jüdischen, so ist die allgemeine pädagogische Wirksamkeit jedem dazu Vorbereiteten leicht eröffnet; Unterricht und Erziehung sind Fächer, für die immer ein Berufener Verwendung hier finden kann. Wer könnte überhaupt das Gebiet begrenzen wollen, auf dem wissenschaftliche Tüchtigkeit sich geltend machen kann? Wir meinen nicht, daß ein Theologe ein journalistischcr Schöngeist und Theaterrecensent sein solle, wir halten daS im Gegcntheil für den gefährlichsten Abweg, auf den er geralhen kann; aber auch ohne dieses giebt cs Beschäftigungen, zu denen Dieser oder Jener sich hingezogen fühlt, und die mit der amtlichen Thätigkeil sich passend verbinden lassen. Da ist eS gerade die Weltstadt, die wir in die Wagschale legen, und deren unzählige Hülfsguellen sich nicht verzählen lassen, weil es eben immer neue sind; die Verbindung mit allen Theilen der Erde gewährt auch immer erweiterte Mittel für Den, der sie zu benutzen versteht. Weit entfernt also, daß der Bewerber um unsere Stelle sich zu einem dauernden Kampf mit dem materiellen Leben verurtheilt sicht, hat er vielmehr einen weiten Schauplatz zur Entfaltung seiner Fähigkeiten. Nur nicht zuerst soll er sich in Kummer und Sorge stürzen, dann kommt er schwer