Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1857)
- Date
- 1857-11-09
- Page
- Seite 626 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226039-3226086--16487-3245347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wissenschaft nicht; der Andere: die Leitung ist parteiisch; der Dritte endlich schreit nach einem Ketzergericht und würde am liebsten das Institut, seine Leiter und Alles, was diese je erzeugt, auf dem Scheiterhaufen verbrennen sehen. Vergebens weist man auf die vielen wissenschaftlichen Arbeiten, welche das Institut in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren hervorgebracht und subventionirt hat; vergebens auf die Unparteilichkeit, mit welcher wir z. B. so eben ein Werk eines dieser Antagonisten angenommen haben; vergebens weist man darauf hin, daß man einer jeden Sache doch auch Raum zum Wachsen lassen muß, und nicht Alles auf ein Mal fordern kann — man sagt mit dem Patriarchen im Nathan: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt!" Vor Kurzem schrieb uns ein als Schriftsteller bekannter Lehrer, daß eine Anzahl süddeutscher „Gelehrten" in alle politischen Blätter Jnvectiven gegen das Institut schleudern wollen; in diesen Tagen schreibt man, daß ein Schriftsteller, dessen Werk wir zurückgewiesen, weil es nur eine Sammlung von Abgeschmacktheiten enthielt, in Verbindung mit einem bekannten Theologen „einen furchtbaren Angriff vorbereite"; und was dergleichen mehr. Wir bemerken hier ausdrücklich, daß all' dieses gemeine Wesen diesmal nicht unter irgend einer Parteifahne auftritt, daß weder von orthodorer noch von radikaler Seite bis jetzt wir irgend ein Hemmniß erfahren haben; daß es sich vielmehr hier gänzlich um Persönlichkeiten handelt. Wer die Menschen kennt, wird nach den Motiven nicht lange suchen. Neid, Mißgunst und verletzte Eitelkeit sind die unermüdlichsten Feinde jeder guten Sache. Wer diese Blätter genauer liest, wird bemerkt haben, daß wir zu all' diesem Treiben so lange geschwiegen, als bis wir mit dem Resultat der diesjährigen Abonnentensammlung zeigen konnten, daß das theilnehmende Publikum von allen diesen Jntriguen der Gelehrten und Literaten keine Notiz nimmt, und daß die Anhänglichkeit an Religion und Literatur in der jüdischen Masse viel größer als bei den Literaten und Wortführern ist, daß Treue und Wahrhaftigkeit, Billigkeit und Bescheidenheit am wenigsten bei Denen zu finden, welche sie stets im Munde führen. Jetzt aber, nachdem das Factum feststeht, stehen wir nicht an, mit gewohnter Offenheit dem Publikum all' diese Versuche zu denunciren, mit welchen man das eben gegründete Institut zu erschüttern strebt. Wenn wir für unsre Person auch darüber nur lächeln, so sind wir eS doch der Sache schuldig. Zeitmrgsnachrichteu. Deutschland. Hamburg, 20. Oktober. (Privatmitih. Von einem andern Correspondenten.) Die Krisis, in welche der hiesige Tempel durch den Rücktritt seines gefeierten Predigers, Dr. Salomon, getreten, ist noch nicht beendigt. Bekanntlich hat die Verwaltung beschlossen, daß künftig nur ein Prediger an der Anstalt lehren und nur zur Aushülfe ein Candidat neben ihm angenommen werden solle, der in Behinderungsfällen desselben, und wo die Amtsthätigkeit eine zu große Anstrengung für einen Einzigeil erfordern würde, ergänzend cinzutretcn hätte. Die eröffnete Concurrenz hat aber bis jetzt noch nicht zur Besetzung dieser neuen Stelle geführt, und die Bemühungen, einen geeigneten Man» dafür zu finden, müssen fortgesetzt werden. Freilich ist wohl Mancher mit der Frage ausgetreten : „Warum erschwert Ihr Euch diese Wahl, indem Ihr von dem hergebrachten, unter Euch selbst früher mit Glück ringeschlagenen Wege abwcichl? In allen größeren Gemeinden, wo die äußern Umstände es gestatten, sucht man gereiste Prediger, die, deS Wortes Meister, den Anforderungen sofort genügen können: wollt Ihr Eure Kanzel zu einer UebungSschule für Anfänger machen?" Gewiß haben die Leiter unseres Gotteshauses diese Schwierigkeit erkannt, aber überwiegende Gründe haben sie dennoch dahin gebracht, dieselbe nicht zu scheuen, und ihr vielmehr gerade ins Gesicht zu sehen. Den aufmerksamen Beobachtern ist es nicht entgangen, daß durch zwei coordinirte Prediger das Maß der Verantwortlichkeit eines jeden für seine amtliche Wirksamkeit ein viel geringeres ist, als die Wichtigkeit des Amts erfordert. Einer verläßt sich auf den andern, oder der eine sieht den andern als ein Hemmniß für die Erfolge seines ArbcitenS an; auch bei dem besten collegialischen Einverstäiidniß geht doch jeder leicht seinen eigene» Weg, und beruhigt sich dabei, zu thun, was er gerade kan». Die Gemeinde ihrerseits wird von dem wahren Ziel dadurch abgeführt, die Vergleichung zweier verschiedener Predigtweisen stellt sie auf den kritischen Standpunkt; statt sich belehren und den Inhalt der Rede auf sich wirken zu lassen, macht sie sich zum Richter über die Redner, und legt einen ästhetisch-rhetorischen Maßstab für die Beurtheilung desselben an. Der wahre