Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1857)
- Date
- 1857-11-02
- Page
- Seite 610 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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610 Form der heiligen Schrift Israels, wie er das unmittelbare Nerhältniß der Menschensöhne zu Gott gelehrt und das ganze Leben davon durchdrungen haben will. Keine einzige jpecifische Lehre einer anderen Religion; und dabei lediglich auf Verse und Ausdrucksweise des alten Testaments gegründet, von dem Ausspruche des Propheten Ezechiel an, daß Er nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er umkehre und lebe, bis zu den biblischen Bezeichnungen GotteS als Gott JakobS, Gott unsrer Vater, der Herr der Heerschaaren; von dem höchsten mosaischen Gesetz „Du sollst Dich heiligen, denn Ich, der Ewige, Dein Gott bin heiligt, bis zu einer Menge von Psalmsprüchen. Wie dieses Document in jeder Synagoge verlesen werden kann, so ist es überhaupt ganz und gar als ein Erzeugniß des ideellen Judenthums, und da eS nicht der Ausspruch eines Einzelnen, sondern die Acte einer Regierung ist, als ein Sieg dieses ideellen JudenthumS zu bezeichnen. Man wird es daher natürlich finden, wenn wir hier die Proclamation in ihrer ganzen Ausdehnung mittheilen. Der Regierungs-Rath deS Cantons Aargau zur eidgenössischen Bettagsfeier am 20. Herbstmonat 1857 an daS Aargauische Volk. „Liebe Mitbürger! Wir gehen abermals der ernsten Feier des Tages entgegen, an welchem das gesammte Volk der Eidgenossen, ohne Unterschied des Glaubens, zu Berg und Thal sich in seinen heiligen Tempeln sammelt, um dem ewig treuen Gott für die während des Jahres 'empfangenen Wohlthaten zu danken, die künftigen Verhängnisse fürder seiner Gnade zu empfehlen, und reuig über begangene Fehltritte die Gelöbnisse eines gebesserten Lebens zu erneuern. Wer aber, liebe Mitbürger, will all die Güter zählen, die der Gott der Väter uns neuerdings erwiesen; wer all die Gnade nennen, die Er unserm Volke wieder so herrlich kund gethan? Nach langen Jahren der Noth, womit Er uns Sparsamkeit und Entbehrung lehrte, hat Er seine milde Hand wieder geöffnet und wunderbar Alles mit Segen erfüllt. Sehen wir an unsere Felder und Auen! Er hat die Garben nicht gezählt und ihre Schwere nicht gewogen. Das gemeinsame tägliche Nahrungsmittel des Armen und deS Reichen hat Er von langjähriger Krankheit wieder geheilt. Den Fruchtbaum und den Weinstock hat er in Berg und Thal mit wunderbarer Fülle beladen. Verderbliche Fröste und schädliche Ungeziefer hat Er abgewehrt und mit gnädiger Hand die gefährlichen Hochgewitter in engen Grenzen gehalten. Sehen wir an die Kreise der Familien und daS Leben des Volkes! Er hat unS mit Krankheiten und verheerenden Seuchen verschont. Er hat der fieißigen Hand aller Orten und Enden stete Arbeit und reichen Verdienst gegeben. Er hat die Schule, die Kirche, Wissenschaften, Künste, Gewerbe und Anstalten, welche der Menschenliebe und höherer Gesittung dienen, im Frieden gehütet und auf der Bahn des Fortschrittes gefördert. Ein Netter in der Noth, ein freundlicher Gott und Vater in jeder Zeit, hat Er die Zahl der Armen und Hülfiosen vermindert und manchem Familienvater, der in der Noth mit den Seinen jenseits des Weltmeeres eine bessere Heimath suchen wollte, den verhängnißvollen Wanderstab wieder aus der Hand genommen. Und endlich ein Gott und gnädiger Richter, der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe, hat Er selbst die finstern Pfade des Verbrechens gelichtet und in Seiner Liebe auch die Zahl der Unglücklichen vermindert, die, vom guten Geiste verlassen, der strafenden Gerechtigkeit in die Arme fallen. Sehen wir endlich an unser gesammtes liebes Vaterland, und erinnern wir uns, wie es voriges Jahr am heutigen Tage mit ernsten Gedanken in die Zukunft sah! Von einem übermächtigen Gegner war unsere Grenze bedroht. Die Könige kamen zusammen und unsere Feinde redeten von unserm Verderben. Die Zeughäuser des Landes öffneten ihre Thore und die wehrfähige Jugend suchte und rüstete die Waffe. Im Geiste sah der Landmann sein Gefild in ein blutiges Schlachtfeld, das Vaterland die glücklichen Dörfer und Städte seiner Grenze in rauchende Schutthaufen verwandelt. Vater und Mutter waren des Sohnes, die Kinder des Vaters, die Gattin des Gatten, das Vaterland seiner Freiheit und seiner Zukunft nicht mehr gewiß. Da erhob Gott seine schützende Hand über dem Banner der Eidgenossen und sprach: „Ich will Dich retten, daß Du mich preisen wirst." Und alsdann that Er Wunder an uns, die in den Tagen der Väter nie größer und herrlicher gesehen wurden. In einem Momente hob Er in den Behörden deS Bundes, der Cantone und der Gemeinden, in allen Kreisen des Volkes, in allen öffentlichen Blättern, zwischen allen Gegnern und Parteien, von der Rhone bis zum Rheine, allen Zwist und jede Parteiurrg auf. In einem Momente erfüllte Er jedes Alter und jeden Stand, das ganze Volk und seine Führer mit der gleichen opferwilligen Hingebung,