Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1857)
- Date
- 1857-11-02
- Page
- Seite 611 (sequence 3)
- Language
- German
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611 Liebe und Begeisterung für den Schutz und die Rettung des Vaterlandes selbst um des Daseins höchsten Preis. Die ganze, viel getheilte und viel entzweite Nation war in einen Gedanken und in eine Seele vereiniget. Dem vaterländischen Heere verlieh Er in harter Winterzeit Muth, Hochgefühl, freudige Eintracht, willigen Gehorsam und vor Allem das Ehrenmal des republikanischen Wehrmannes, die Kraft der Selbstbeherrschung und der Tugend. Der obersten Bundesbehörde aber, in deren Hand die Würfel der Geschicke lagen, gab Er das Glück der Ruhe, der Einsicht und der Mäßigung. So, liebe Mitbürger, stellte der Herr der Heerschaaren in den Tagen der jüngsten Gefahr unser Vaterland dem Feinde entgegen. Und wir können heute mit dem Psalmisten rühmen und sagen: Die Könige sahen es, erstaunten und erschraken ob ihrer Gefahr, legten die Waffen zur Erde und waren hinweg allzumal. Daher nicht uns, sondern Ihm die Ehre! Er war mit uns, der Gott Jakobs war unsere Veste. Er schwichtigte den Krieg, zerbrach der Feinde Bogen, stumpfte ihre Spieße und, ohne daß ein Schwert aus der Scheide ging, lenkte Er die Herzen der Könige, daß sie unserm jüngsten Bundesbruder die Urkunde der Freiheit mit ihrem Siegel gaben. Des Sieges und des Friedens Ruhm find Seiner Güte Werk. Opfern wir daher an dem diesjährigen vaterländischen Festtage mit erhöhten Gefühlen dem Herrn für all die Güte, die Er uns gethan, unfern Dank, und erfüllen wir mit besonderer Treue dem Allerhöchsten unsere Gelübde! Haben wir aber, liebe Mitbürger, von allem Dem Nichts aus uns selbst vermocht, so sind wir auch nicht im Stande, es mit unserer Macht zu bewahren. Aber eben so wenig reichen unsere Kräfte hin, auch in Zukunft das, was wir zu unserm Glück und zur Wohlfahrt des Vaterlandes bedürfen, selbst zu erwirken. Lasset uns daher mit dem Danke für die empfangenen Segnungen gleichzeitig auch unsere demüthigen Bitten zu Demjenigen erheben, von dem jegliche gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk herkommt! Erstehen wir von Ihm, daß Er uns den Segen seiner Hand stets mit weiser Mäßigung genießen, und wie zu unserm Glücke, so auch zur Tröstung unserer Mitbrüder und zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt verwenden laffe; daß Er unsere Familien, Gemeinden und das gesammte Vaterland vor schweren Heimsuchungen gnädig bewahre, wir aber Dasjenige, was seine heilige Vorsehung über Einzelne oder Alle verhängt, stark und mit frommer Ergebung ertragen; daß Er den Bürgern, Familien, Gemeinden, Cantonen und dem ganzen Vaterlande mit seinen Religionen das Glück des Friedens und der Eintracht erhalte; daß Er die Sorgen der Aeltern für die Erziehung ihrer Kinder, die Bemühungen der Schule und Kirche, die Fortschritte der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, so wie jede treue Arbeit mit seinem Segen begleite; daß Er überall Bürger und Behörden zu allen guten Werken mit dem Geiste der Weisheit, der Eintracht und des Gemeinsinns beseele; daß Er den Armen und Verlassenen, den Wittwen und Waisen, besonders aber der in leiblichem und sittlichem Elend verkümmerten Jugend, unter uns immer mehr schützende Engel und Retter erwecke; daß Er Bürger und Behörden stets mit Achtung vor dem Gesetze und mit gegenseitigem Zutrauen erfülle, und Beiden Muth und Einsicht gebe, stets mit den rechten Mitteln das Gute zu fördern und daS Schlechte zu bekämpfen; daß Er uns im Bunde und in den Cantonen alle diejenigen Einrichtungen vor gefährlichen Störungen bewahre, welche die Kraft, die Ehre, die Freiheit und das Glück des Landes bedingen; daß Er endlich dem gesammten Schweizervolke die Gnade verleihe, daß eS sich durch Tugend, Bildung und Gesittung seiner Freiheit immer würdiger zeige, und dadurch den Namen der Republik zu immer höheren Ehren bringe. Damit aber, liebe Mitbürger, unsere Danksagungen und Gebete desto reiner und wohlgefälliger zum Gott der Väter emporsteigen, lasset unS auch mit demüthiger Reue auf Dasjenige zurückblicken, was wir im Glücke seiner Gaben und Gnaden Alles unterlassen, vergessen und gefehlt haben. Lasset es unS reumüthig bekennen allzumal, daß wir unsere Pflichten in der Familie, im Amte, gegen uns, gegen Andere, und selbst gegen Gott oft und ganz aus den Augen verloren, und daß wir dadurch oft und viel der Güte nicht würdig waren, die uns zugemessen wurde. In diesem Bewußtsein unserer Gebrechen wollen wir denn, damit die göttliche Gnade die Erfüllung unserer Gebete nicht Unwürdigen gewähre, mit der ganzen Kraft eines ernsten, aufrichtigen Willens geloben, unsere Pflichten fortan treuer zu wahren, unsere Schwachheiten siegreicher zu bekämpfen, unser ganzes Thun und Lassen immer mehr nach dem erhabenen Gebote einzurichten: „Ihr sollt heilig sein, denn der Herr, Euer Gott, ist heilig!" Dann wird Jeder an seinem Orte eine göttliche Sendung verrichten. Tausend Thränen werden gestillt, tausend Her- 45*