Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1857)
- Date
- 1857-10-26
- Page
- Seite 603 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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«03 an verschiedenen Orten in verschiedenen Gestalten auf. In Tunis wird der Jude äe jure gemordet, in Ostpreußen bei zünftlichen Saufgelagen tödtlich gemißhandelt, in der Schweiz — trotz sanctionirter Verträge — vom Recht der freien Niederlassung ausgeschlossen — und wo dies Alles nicht thunlich — da wird er durch allerlei Chikanen und Neckereien molestirt. Ganz besonders ist diese Art und Weise, dem Judenhasse Luft zu machen, in dem lieben Oberschlesien an der Tagesordnung. So wurde erst am letzten Kol-Nidre-Abende ein alter Israelit zu P. auf seinem Heimwege aus der Synagoge von Zöglingen des dasigen Schullehrer - Seminars, die ihn umringten, so lange gezerrt und gestoßen, bis er zu Boden fiel und sich — wenn auch nicht gerade erheblich — am Körper beschädigte. Tages daraus — am Jom Kippur — flog ebendaselbst ein mächtiger Stein in die Synagoge, welcher indeß — die Fensterscheiben, die er zertrümmerte, abgerechnet — weiter keinen Schaden anrichtete. — Anderswo hat sogar ein Pfarrer den naiven Einsall, bei einem ländlichen Kinderfeste, an welchem zufällig auch sehr viele Juden Antheil nahmen, nicht blos die „Judenkinder" von den arrangirten Spielen auszuschließen, sondern auch die anwesende Musik zu veranlassen, eben diese Spiele mit Melodien gewisser „Judenlieder" zu begleiten — und den Tert der letztem sogar selber anzustimmen. — Roch anderswo werden von vornehmen Männern, die sich zu der „Religion der Liebe" bekennen, die herumzichenden Musikbanden durch „ansehnliche Trinkgelder" dazu animirt, vor den Häusern der jüdischen Ortseinwohner nichts Anderes als die sogenannte „Juden-Polka" aufzuspielen. — Auf dem Bahnhofe jener Stadt wird eine junge Dame christlichen Glaubens, die gerade abreisen will, von ihren Verwandten, die sie hierher begleitet haben, sreundlichst — und zwar so laut, daß es alle Anwesende deutlich vernehmen können — darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn sie in jenes Coupe dort einsteigen wollte, sie in eine Gesellschaft von „lauter Juden" gerathen würde. — Ein gewisses Casino, zu welchem Juden der Zutritt verschlossen, weiß sich auf einem Balle, der im Hause eines jüdischen WirtheS arrangirt ist, durch Nichts besser als durch die „Aufführung einer Judenhochzeit" zu amüsiren.-Wo aber solche und ähnliche Geschichten sich ereignen, da giebt es immer noch gewisse superkluge Leute, welche behaupten, die Juden seien selber Schuld daran, und zwar hier, indem sie sich vgn ihren christlichen Mitbürgern allzusehr absondern, dort dagegen, indem sie sich denselben allzusehr aufdrängen rc. — Der unparteiische Beobachter kann indeß keinen dieser beiden Vorwürfe als gerechtfertigt anerkennen und sie noch weniger als „Ursachen" der erwähnten Erscheinungen gelten lassen. Die Ursache des Judenhasses war nie im Judenthume selber zu suchen — obwohl es nicht zu läugnen ist, daß inmitten desselben so Manches schon auftrat und jetzt noch austritt, was gerade nicht geeignet, nach außen hin Achtung und Liebe einzuflößen.— Am allerwenigsten sollten jüdische Literaten es sich beikommen lassen, in ihren Novellen oder andern Schriften über gewisse jüdische Cercmonien — weil sie dem modernen Geschmacke der Jetztzeit weniger zusagen — die Geißel der Satyre zu schwingen, wie z. B. den Eirun ein „Symbol des Telegraphen" zu nennen u. s. w. u. s. w. — In Teschen wurde früher auch jeden Sonntag in der Synagoge gepredigt. Man denke aber hierbei an keinen sogenannten reformirten Sonntagögottesdienst. Gott bewahre! Die Sache war eine andere. Um Teschen herum wohnen auf dem Lande sehr viele Juden, welche gewöhnlich des Sonntags in die Stadt kommen, um daselbst ihre Geschäfte zu verrichten. Für diese Landjuden war nun ein besonderer Nachmittagsgottesdienst eingeführt, zu welchem sie sich einfanden, wenn sie ihre weltlichen Geschäfte erledigt hatten, und wobei denn auch die „Predigt" nicht fehlen durfte. Unbedingt wird mit der Wiederbesetzung der Rabbinerstelle auch diese Einrichtung wiederkehren. Striegau (Schlesien), 15. Oktober. (Privatmitth.) Als Curiosum theile ich eine in der hiesigen Gemeinde stattgefundene Thatsache mit. An den vergangenen Festtagen fand sich ein schon seit länger als 25 Jahren getaufter Jude zum Gebete mit ein, und verrichtete dasselbe reuevoll und mit zerknirschtem Herzen in größter Andacht. Vorzüglich aber war es am heiligen VersöhnungStage, wo er die Aufmerksamkeit der ganzen Gemeinde fesselte, da vom Beginn desselben bis zum letzten D’rtbNn «in 'n sein Auge nicht trocken wurde. Hierüber befragt, bekannte er, daß er ferner nicht mehr in dem von ihm angenommenen 44