Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1857)
- Date
- 1857-10-26
- Page
- Seite 601 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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601 ruht. Man muß bedenken, daß für alle Zukunft Alles davon abhing, der Religion, welche im Gegensätze zu diesem entmenschenden Götzendienste, auf sittlicher Grundlage (ven zehn Geboten) und auf dem Glauben an den einzigen und allliebenden Gott beruht, eine bleibende Stätte auf Erden zu sichern und zwar nicht nur neben rohen Völkern, sondern auch unter einem noch rohen Volke, das bei jeder Versuchung selbst diesem entsittlichenden Götzendienste verfiel. Da mußte wohl in . dem Sinne verfahren werden, den ein späterer Prophet mit den Worten ausdrückt: so wahr ich lebe, spricht Gott, mit gewaltiger Hand herrsche ich über Euch. Da mußten wohl Mittel angewandt werden, die weder buchstäblich noch symbolisch für unsere Zeiten passen, und die in der That selbst von den, dem großen Gesetzgeber an freier, reinmenschlicher Anschauung weit nachstehenden Talmudisten schon so verclausulirt wurden, daß sie sich so ziemlich in Nichts auflösten. Das zukünftige Reich Gottes wird von den alten Propheten als eine Zeit geschildert, „wo die Erde voll Erkenntniß sein wird, wie die Wellen das Meer bedecken", wo Keiner den Andern fragen wird, wo ist Gott der Herr, sondern Alle.werden den Herrn erkennen, Alle, Groß und Klein", also eine Zeit, wo die Entwickelung des rein Menschlichen im Menschen die höchste Blüthe entfalten wird. Von „Steinigung", von „ewiger Verdammniß" ist da nicht die Rede, und wir glauben nicht, daß Diejenigen, welche solche entsetzliche Vorstellungen hineintragen, der Religion damit einen Dienst leisten. Ist es Euch Ernst, Religion zu verbreiten, und den in so vielen Gemüthern wankenden Glauben zu befestigen, so hört auf das prophetische Wort: (Zacharias 8, L6.) „Das ist, was Euch zu thun obliegt: redet Wahrheit mit Eueren Nebenmenschen; Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden lasset in Euer» Thoren wohnen." Wahrheit aber ist nicht in scholastischen Spitzfindigkeiten, welche die Unduldsamkeit, die sie zu einem Thore Hinausweisen, durch tausend Hinterpforten wieder einlassen. Wahrheit ist nicht in den dialektischen Künsten, welche lehren die Bekenntnisse frei, ihre Uebung aber nicht zulassen. Wahrheit ist nicht in der Unterscheidung zwischen bürgerlichen Rechten , welche die Lehensnothdurft, und staatsbürgerlichen, welche das eigentliche Menschen und Bürgerleben gewähren. Gerechtigkeit kennt nicht „zweierlei Maß und zweierlei Gewicht." Gerechtigkeit ist nicht in der kümmerlichen Staatökunst, welche im protestantischen Staate nichts von den Missionender Jesuiten, aber Alles von der „rechtlichen Verbürgung der Religionsübung" anderer Bekenntnisse, selbst innerhalb des Protestantismus, fürchtet. Gerechtigkeit verlangt, daß man „ein Königswort nicht drehe, noch deutle." Wenn ein gottesfürchtiger König sein feierliches „Ja, ja" unter Anrufung des göttlichen Namens, zu einer Verfassung gesprochen, welche bestimmt: Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse. Den bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechten darf durch die Ausübung der Religionsfreiheit kein Abbruch geschehen, so ist es schnöde Ungerechtigkeit, schimpfliche Sophistik, diese und andere Hauptbestimmungen, die fundamentalen Grundsätze der Verfassung zu Gunsten eines Artikels confiseiren zu wollen, welcher Aenderungen derselben auf verfassungsmäßigem Wege zuläßt, Aenderungen, die doch un- - möglich so weit gehen können, durch diesen einen Artikel alle anderen zu Unwahrheiten, ja zu Täuschungen zu machen. In Verfaffungswie in Religionssachen ist es weise, den Buchstaben nicht Herr werden zu lassen über den Geist, und in diesem Sinne ist dieser Artikel zu fassen; in jedem anderen wäre er eine Hinterlist, welche nur vorauszusetzen in hohem Grade strafbar ist! Friede wird wahrlich nicht gestiftet durch Grübeleien über das tausendjährige Reich und andere theosophische Träume, nicht durch theologische Zänkereien, welche an die traurigsten Zeiten des Byzantinischen Reichs erinnern. Friede wird gestiftet durch thatsächliche, nicht zur Phrase erniedrigte Menschen - und Gottesliebe, welche nicht markt und nicht feilscht und „nicht richtet, damit sie nicht gerichtet werde!" — — Hiermit, mit diesen markigen und begeisterten Worten schließt der Verfasser seine werthvolle Broschüre. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Kassel, 14. Oktober. (Privatmitth.) I» Bezug auf das von Ihnen mit Anerkennung besprochene Schristchen „Zur Abwehr" kann ich Ihnen jetzt mittheilen, daß der Verfasser desselben, dessen Namen Sie damals zu erfahren wünschten, der Landrabbiner llr. Adler ist, und daß dasselbe die Wirkung gehabt, daß die erste Kammer den auf Antrag des General- Superintendenten Marlin gefaßten Beschluß, wonach die Juden von der passiven Wahlfähigkcit ausgeschlossen würden , wieder fallen ließ. Die passive