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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-10-26 · Heft 44 (26.10.1857) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 44 (26.10.1857)
Date
1857-10-26
Page
Seite 598 (sequence 4)
Language
German
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598 Er erwartet nämlich, als Jrvingianer, den Messias, der zum zweiten Male erscheinen, und wie es in dem Vorworte heißt, „das gelockerte Liebesband zwischen den gläubigen Juden und Christen neu verknüpfen wird." Bis dahin soll ein doppeltes Palästina im Abendlande für die Juden geschaffen werden. Einmal ein räumliches." Preußen hat so gut wie Rußland noch Raum genug für eigene Judendörfer, jüdische Acker-aucolonien und Ansammlung der Juden in großen Gemeinden kleiner Städte." Dann auch ein geistliches Palästina. Ihren „orthodoxen Rabbinen" soll „der religiös-rituelle Theil ihrer Gerichtsbarkeit und namentlich das Bann recht" (Seite 70.), wohl auch, wie ziemlich verständlich angedeutet wird, die Jurisdiction über ihre Glaubensgenossen eingeräumt werden. „Ihre corporative Verfassung" soll „verstärkt", und ihren Vorständen, natürlich nachdem sich der christliche Staat erst ihrer jüdischen Orthodoxie vergewissert, verstattet werden, allenfallfige obrigkeitliche Gelüste, soweit diese gegen ihre Glaubensgenossen gerichtet sein möchten, zu befriedigen. Auch soll „eine permanente rabbinische Behörde als höchste Religionsbehörde für ganz Preußen" errichtet werden. So würden dann die Juden ihrer alttestamentlichen Aufgabe, welche nach Herrn Wagener die ist, als Symbol für das Christenthum zu dienen, vortrefflich entsprechen. Sie würden die beiden großen Menschheitsaufgaben der Kreuzzeitungspartei: den Gesammtstaat in ein buntes Allerlei von Corporationen, Kasten und Sonderbünden aufzulösen, die, alle gleich unfrei, doch übereinander herrschen, und dieses ganze mittelalterliche Sammelsurium unter eine geisttöbtende Hierarchie zu stellen, welche im Dienste des neuen katholischen Protestantismus waltete, vortrefflich, und zwar, wie gesagt, „symbolisch" erfüllen. Auch sonst gönnt der menschenfreundliche Herr Verfasser den lieben Juden, seinen Halbgenoffen im Glauben an eine zukünftige Erscheinung des Messias, alles Liebe und Gute. Sie sollen, mindestens bis auf Weiteres, — denn eine kleine reservatio mentalis ist bekanntlich, wenn nur zu Ehren Gottes (in majorem bei gloriam), keine Todsünde — weiter Handel, Wandel und Gewerbe treiben, auch Privatbürger bleiben, ja zu Professoren der orientalischen Sprachen und der Medicin, selbst zu Officierstellen gelangen können, aber — und das ist des Pudels eigentlicher Kern — weg muß der atheistische, unchristliche, revolutionäre Artikel 12, der durch freics königliches Wort ertheilten und beschworenen preußischen Verfassungsurkunde." Nachdem Herr Weil fernerhin zeigt, wie Stahl und Wagener Christenthum und Humanität gegenüberstellen, und diese beide sich gegenseitig ausschließen lassen, fährt er fort: „Nachdem Herr Wagener dem Christenthum „die humanitarischen Lehren" wegoctroyirt hat, dürfen wir uns nicht wundern noch beklagen, daß er dem Judenthum oder vielmehr den Juden den deutschen Patriotismus wegoctroyirt. „Das Geheimniß des Patriotismus ist ihnen (nämlich den Juden) unzugänglich." „DaS Geheimniß des Patriotismus!" Diesen dogmatisch verknöcherten Menschen sind die heiligsten, angeborensten Gefühle der menschlichen Brust Lügen, wenn fie nicht in Gestalt von Mysterien austreten! Warum der Mensch den Boden liebt, wo er zuerst das Licht der Welt erblickte, das Land, dessen Sprache er spricht und dessen Gesetze ihn schützen, das Vaterland, wo seines Vaters und seiner Mutter Wiegen standen und Särge stehen, den Staat, dem er den Schutz seines Lebens und seiner Ehre, seines Eigenthums und seiner Bildung verdankt — das ist, wenn auch mit den tiefsten Tiefen seines Wesens verwachsen, doch nichts weniger als ein Geheimniß. Ein Geheimniß ist eher, wie er dahin gebracht werden kann, das Vaterland weniger zu lieben; wie dieses tiefste natürlichste Gefühl der Menschenbrust durch Ehrenkränkung, durch Verachtung oder Herabsetzung seiner innersten eigenthümlichsten Gefühle und Anschauungen von Gott und göttlichen Dingen dahin gebracht werden kann, seinem Vaterlande räumlich oder geistig den Rücken zu kehren, denn wie der römische Dichter sagt: Patriae quis exsul Se quoque fugit?“ Der Verfasser charakterisier hierauf den feudalen Staat, und wohin diesen die theologischen Parteiungen durch die Reformation gebracht, dem modernen Staate gegenüber, und sagt hier mit großem Rechte: „Dem Ritter, der Ebenbürtige im Kampfe mit gemeinen Leuten sah, fiel es von ferne nicht ein, zu fragen, welche von beiden Parteien seine Landsleute wären. Die StandeSehre stand über der Volksehre, das religiöse Interesse über dem nationalen, der Zunftgeist über dem VolkSgeiste, das Sonderintereffe über dem Gemeingeist." „Wir sagen, die Standesehre stand über der Volksehre, und das führt uns zu unserer zweiten Betrachtung. DaS Gefühl der Ehre ist ein wesentliches Element der Vaterlandsliebe. Wenn daS Vaterland selbst dieses Gefühl verletzt oder gar tödten will, dann hat es freilich das „Geheimniß" gefunden, „daS Geheimniß des Patrio-

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