Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1857)
- Date
- 1857-10-26
- Page
- Seite 597 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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597 sknz durch die Achtung erwarten, welche man vor der Idee hat; als Minorität können wir nur freien Bestand beanspruchen, wenn wir die Gewissensfreiheit als das höchste Gesetz der Menschheit anerkennen. Und da es nun geschehen ist, daß wir als Diener der Idee und als Minorität allen Schrecken der Ausschließung und Verfolgung ausgesetzt waren, und so recht zum Prüfstein und Maßstab der in den Völkern vorhandenen Toleranz wurden, so ist diese zu einem wahren Fundamentalsatz des Judenthums geworden. Es darf uns also Nichts heiliger, Nichts als ein unveräußerlicheres Palladium erscheinen, als die Toleranz innerhalb unsrer eigenen Marken. Aber gerade mit Vieser läßt sich die Charakterfestigkeit am nächsten verbinden. — Wenn wir Achtung haben sollen vor der Meinung Anderer, so gilt es um so mehr, Achtung zu haben vor unsrer eigenen Meinung. Wir müssen die angeborene, anerzogene, angebildete, uns selbst gewonnene Ueberzengnng zu ihrer vollen Energie entwickeln und mit voller Energie dethätigen. Wir sind charakterfest, wenn wir überhaupt eine eigene, in ihrem Inhalt und in ihren Grenzen bestimmte Meinung uns erwerben, wenn wir diese nicht Andern aufdrängen, aber auf unser eigenes Leben überall einwirken lassen; wenn wir also einerseits nicht mit einer nach allen Seiten verschwimmenden, andererseits auf unser Leben unwirksamen Anschauung uns begnügen. Wir sind charakterfest, wenn wir unser Judenthum in seinem idealen Inhalte sicher auffassen, in seiner concreten Erscheinung pflegen; wenn wir daher einerseits es nicht mit seinen Gegensätzen in andern Neligionen auszugleichen versuchen, daß wir es im Aberidlande dem Christenthum, im Morgenlande dem Islam, und folgerichtig in Indien dem Vramanenthum an-, ein-, oder gar unterzuordnen suchen, und andererseits uns nicht etwa scheuen, sondern vielmehr unsere Befriedigung finden, es in seinen wesentlichen Formen zu bethatigen. Wir sind charakterfest, wenn wir alle Anstrengung daraus verwenden, es in uns und Anderen kräftig, energisch, in den mannigfaltigsten Instituten blühend zu machen. Wir find charakterfest, wenn wir den Abgefallenen als wirklich abgefallen, und den durch den Bundesact in die Gemeinde nicht Eingetretenen als nicht eingetreten ansehen. Es ist wahr, daß wir nach diesem Maßstabe jetzt zahllose Juden allen Charakters und aller Festigkeit ermangeln sehen. Aber es ist nicht minder wahr, daß, indem sich dieser Mangel immer fühlbarer macht, eine neue Energie in Denen, welchen das Judenthum noch Herz und Mark einnimmt, erwacht, und diese dadurch die Kraft erlangen, die Forderung der Charakterfestigkeit nachdrücklich ihren Glaubensgenossen zu stellen. Die Geschichte hat uns genug Beispiele von Perioden gegeben, in welchen die Abspannung und Erschlaffung in schneller Weise zu ungeahnter Thatkraft sich erhob. Die Neal-Encyclopädie -es Iudenthums. Als Mitarbeiter an der Real-Encyclopävie haben wir ferner zu nennen: Herrn vr. I. Weil in Frankfurt am Main, Herrn Rabbiner Dr. I. Klein in Stolp, Land- Rabbiner vr. L. Adler in Kassel, Rabbiner Leopold Stein in Frankfurt am Main. Wagener, Stahl, -ie Juden und die protestantischen Dissidenten, von vr. I a c o b W e i l. (Frankfurt a. M. Verlag von F. B. Auffarth. 1857.) Eine politische Broschüre über Juden und Judenthum ist jetzt, Gott sei Dank, ein gar seltener Vogel geworden. Während bis vor einigen Jahren die Fluth der Literatur von Broschüren und mehr oder weniger dickleibigen Büchern auf diesem Gebiete einer wahren Ueberschwemmung glich, ist sie gegenwärtig zu wenigen kleinen Bächlein geworden, die schnell sich im Sande verlaufen. Um so mehr ist es unsre Pflicht, dergleichen Erscheinungen innerhalb dieser Blätter genauer zu firiren. Es wird dies uns um so leichter, wenn wir es mit einem so glänzenden Aufsätze zu thun haben, wie der vorliegende. Derselbe ist mit großer Sachkenntniß, vieler Belesenheit, scharfer Logik und einschneidender Ironie geschrieben. Das Einzige, was wir vermissen, ist Klarheit der Abfassung und systematische Anordnung, daß die Resultate der Abhandlung schärfer und bestimmter entgegentreten könnten. So aber erscheint sie mehr als eine Ansammlung glänzender und geistreicher Bemerkungen, als eine den ganzen Gegner ganz vernichtende Kritik. Der Verfasser beginnt mit einer Charakteristrung des Gegners, die, weil sehr zutreffend, wir hierher stellen. „Herr Wagener, der bekannte Rittergutsbesitzer und frühere Haupttedacteur der Krcuzzeitung, liebt die Juden zärtlich und gönnt ihnen alles Gute — in Palästina. Auch weiß er, der fromme Christ, ganz bestimmt, daß sie, hoffentlich recht bald, alle dahin zurückkehren werden. 44*