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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-10-26 · Heft 44 (26.10.1857) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 44 (26.10.1857)
Date
1857-10-26
Page
Seite 596 (sequence 2)
Language
German
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596 ren eigenthümlichen Charakter verloren. Dann ist und fühlt er sich als Europäer — wir können diese Bezeichnung wohl auch auf Amerika ausdehuen — als Mitglied der engeren civilistrten Welt, deren Interesse .er Lheilt, deren Lebensströmung auch ihn vurchtränkt, deren Kämpfe und Aufgaben ihn in vollen Anspruch nehmen. Endlich ist und fühlt er sich als Bürger eines bestimmten Staates, als Glied eines gewissen Volkes, und Freud und Leid, und Gewinn und Verlust, Erhebung und Erniedrigung Jenes treffen ihn in gleichem Maße, wie alle Uebrigen. Als Jude fühlt er sich eben nur noch als Mitglied einer gesonderten Neligionsgenoffenschast, als Bekenner eines selbstständigen Glaubens, höchstens noch in seiner Stammverwandtschaft und der Solidarität, welche man dem Juden auferlegt und die allerdings auch in seinem Herzen wohnt. Wer sieht nicht ab, daß es unter solchen Umständen ganz anderer Mahnung, ganz anderer Aufforderung und Ansprache bedarf, wie in früherer Zeit, und daß wir immer wiederholt dem Juden unsrer Zeit zurufen müssen: „sei stark und fest!" Ja, Charakterfestigkeit ist das erste Erforderniß der Zeit an den Juden. Worauf aber muß sich dieselbe stützen? Auf das Selbstbewußtsein dessen, was der Jude ist, zu was ihn die göttliche Vorsehung durch die Jahrtausende hindurch herangebildet hat. Man macht oft den Juden den Vorwurf, daß sie sich als „auserkorenes Volk" betrachten. Neuere Juden haben dies läugnen oder vertuschen wollen. Es ist nicht wahr: durch alle unsre Gebete und durch unser ganzes Bewußtsein zieht sich das i:mra rrnN. Und wie anders, da die unlaugbaren Thatsachen dafür sprechen. So gut wie der Grieche auserkoren war für die Kunst und die Wissenschaft, Nom für das ^us, so gut wie wir der pyrenäischen Halbinsel ihre Entdeckungen einer neuen Welt nicht absprechen, England seine außerordentliche Entwickelung der Fabrik^ der Maschinen, des Geld- und Waarenhandels, Frankreich seine Principien der modernen Gesellschaft, Deutschland seine Philosophie, Theologie und Philologie — so wenig könnet Ihr es uns abläugnen, daß wir der einzige Stamm sind, der auf den Trümmern aller Völker und aller Zeiten besteht, daß wir auserkoren sind als Diener, Träger und Hüter der religiösen Idee, und ihrer ewigen Wirksamkeit auf das ganze Menschengeschlecht. Es ist dies Thatsache, also nicht eine Einbildung, die wir aus der Schrift, aus dem Talmud, oder irgend woher schöpfen, sondern eine Thatsache, welche die ganze Geschichte lehrt, und die Ihr trotz allem Widerstreben anerkennen müsset. Auf Grundlage dieses Selbstbewußtseins muß der Jude charakterfest nach außen und nach innen sichbewähren. Es ist eine, fälsche Annahme, daß §in solches Bewußtsein hoffärtig, eingebildet und zudringlich mache. /Das jüdische Bewußtsein in seiner Wahrheit kann nur einfache Würde, gepaart mit bescheidenem Jnsichzurückziehen, eiuflößen. Es muß den Juden eben so männlich hervortretend, wie bescheiden zurückhaltend, Alles zu seiner Zeit und an seinem Platze thuend machen. Denn der Schwerpunkt dieses Bewußtseins liegt nicht in Vorzügen des Einzelnen, sondern in dem Verdienste der Gesammtheit; es ist immer nur eine Dienstbarkeit für die erhabenste, heiligste Idee, und es kommt wesentlich darauf an, wie weit sich das Individuum dieser Dienstbarkeit unterzieht. Dies ist demnach die Linie, welche der Jude in seinem Verhalten nach außen hin einzuhalten hat. Würde und immer nur Würde; kein Verläugnen seiner selbst, keine Schwäche gegen Vorunheile Anderer, kein Hochhalten alles Fremden — aber auch keine Zudringlichkeit, keine Huldigung für ererbte Abgeschmacktheiten und Unsitten, kein Vorurtheil gegen die Vorzüge Anderer. Charakterfest ist der Jude nach außen, wenn er überall, wo er als Jude, oder sein Judenthum angegriffen wird, dem Angriffe sich nicht schmählich unterwirft, sondern männlich ernst entgegentritt; charakterfest, wenn er Wort und That mit seinen Glaubensgenossen verbindet, selbst mit Gefahr das Zulächeln der Großen zu verlieren, um die Wirkungen der Ausschließungssucht zu bekämpfen; wenn er sich selbst nicht scheut, die Judenheit zu einer äußeren Macht zu vereinigen da, wo man die äußere Macht anwendet, sie zu unterdrücken. Wir verkennen nicht, daß gerade hierin unsre Glaubensgenossen in der neueren Zeit Fortschritte gemacht um so mehr muß ihnen Charakterfestigkeit gepredigt werden, daß sie nicht erschlaffen, sondern fest und stark seien in allen Lebensverhältnissen. Nicht minder aber bedürfen wir der Charakterfestigkeit nach innen. Vor Allem ist hier zu bemerken, daß Charakterfestigkeit mit Intoleranz nicht zu verwechseln ist. Intoleranz, Fanatismus sind vielmehr Schwäche, deren Kraftäußerung lediglich in der Ueberreizung besteht. Der intolerante und fanatische Mensch giebt sich willenlos seiner, hier nicht durch eine Begierde, sondern durch eine falsche Idee erregten Leidenschaft hin, und ist somit nichts weniger als charakterfest. Die Toleranz ist, wenn sie nicht in unsren Schriften verzeichnet wäre, durch die Geschichte zu einem Dogma des Judenthums geworden. Als bloße Diener einer Idee können wir nur die Freiheit der Eri-

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