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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-10-19 · Heft 43 (19.10.1857) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 43 (19.10.1857)
Date
1857-10-19
Page
Seite 584 (sequence 4)
Language
German
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S84 immer am schlechtesten wegkömmt, wie denn unser mittelalterliches Unglück zumeist aus der Richtung des Mittelalters, die Gesellschaft in gesonderte Kasten zu theilen, hervorgegangen ist. Die Muhamedaner aber, wenn sie auch die Beschränkungen nicht kennen, welche das christliche Mittelalter für die Juden ausgeheckt hat, in Handel, Verkehr und Grunderwerb, sind überall, wo sie zur unbedingten Herrschaft kommen, von solchem grimmigen Fanatismus beseelt, von solchem Stolz und ausschließlicher Herrschsucht durchdrungen, daß in allen Marken, deren Beherrscher der Islam ist, der jüdische Stamm tief gesunken ist. (Die spanisch-arabische Periode macht hierin nur eine Ausnahme, deren Ursachen leicht erkennbar.) Aber auch abgesehen von diesem speciellen Gesichtspunkte, brauchen wir wohl kaum auseinander zu setzen, daß auch wir den Waffen der Engländer in dem furchtbaren Kampfe, der sich zwischen ihnen, den Hindus und den Muhamedanern entsponnen, den Sieg, und zwar einen baldigen und entschiedenen wünschen. Wir gestehen offen, daß dies nicht der Fall wäre, wenn wir irgend eine Aussicht vor uns sähen, daß, wenn die Eingeborenen den Sieg davon trügen, die dortigen Völker zu einem friedlichen, der Entwickelung und Civilisation fähigen Zustand kommen würden. Denn, so wenig man es den Engländern verargen kann, mit aller Kraft ihre Herrschaft in Ostindien aufrecht zu erhalten, so wenig kann man es den Eingeborenen verübeln, die Fremdherrschaft mit aller Aufopferung von sich zu schütteln. Die Menschheit ist überall da entwürdigt, wo Millionen von einer Hand voll Fremder überwältigt und willkürlich beherrscht werden. Und da nun hinlänglich erwiesen ist, daß die Engländer ihre Herrschaft in vielfacher Beziehung gemißbraucht, und zum großen Theile a l’Asialique geführt haben: so würden unsre Sympathien den Hinvostanern gehören. Aber diese letzteren haben den Kampf mit so unermeßlicher Scheußlichkeit begonnen, haben durch die viehischesten Grausamkeiten ihre Sache von vorn herein so entwürdigt, nicht als eine Angelegenheit der Freiheit, sondern der Unterdrückung, der asiatischen Sclavenherrschaft und Raubgier bezeichnet, daß eine jede Theilnahme für sie im Entstehen erlöschen, und jede theoretische Ansicht vor der fürchterlichen Wirklichkeit sich beugen mußte. Wenn es nun auch wahr ist, daß die Engländer nicht minder Repressalien der fürchterlichsten Art genommen, und, wenn auch nicht an scheußlicher Behandlung, doch an Vernichtung von Menschenleben den Hinvostanern nicht nachstehen: so ist doch zu erwarten, daß, wenn der Kampf zu Ende, Seitens der Britten die Behandlung, der Aufständischen einen milderen Charakter annehmen würde, und daß sie einsehen müssen, daß eine dauernde Herrschaft auf Unterdrückung und Entwürdigung nicht gegründet werden kann — während es offenbar ist, daß nach dem Siege der Hindostaner dieses herrliche Land erst recht der Schauplatz verwüstender Kämpfe und des mitternächtlichsten Despotismus sein würde. Jndeß sind wir hier auf eine Betrachtung hinausgekommen, die eigentlich nicht in unsrer Absicht lag. Diese war vielmehr, aufmerksamzu machen, auf welchen schwachen Füßen noch das, was man Humanität, Civilisation, Cultur zu nennen pflegt, steht. Es ist nicht zweifelhaft, daß die Engländer diesen fürchterlichen Ausstand verdient haben. Sie haben ihre Herrschaft, zu der sie ein natürliches Recht nicht besitzen —- viel weniger Recht, als z. B. die Franzosen in Algier, die hier ein Raubnest zu zerstören, und Europa von der Geißel der Raubstaaten zu befreien hatten — nicht im Namen der Gerechtigkeit und Sittlichkeit geführt; sie haben hierin sogar im Verlaufe ihrer Siege große Rückschritte gemacht; sie haben — ganz abgesehen, daß sie Fürst nach Fürst entthronten, Land nach Land sich aneigneren — seit 60 Jahren die Eingeborenen in den Regimentern aller Osficierstellen beraubt und die unerfahrensten, übermüthigsten Cadetteu den eingeborenen Veteranen zu Anführern gesetzt, während früher nur, die Commandeurstelle von Britten eingenommen wurde, wodurch gerade die eingeborenen Soldaten zu ihrer jetzigen Entartung herabfanken; sie haben die Eingeborenen nicht minder aus allen Civilämtern entfernt, und nahmen ihnen jede Aussicht, zu Amt, Ehre und Würde zu gelangen; sie haben aber auch einen furchtbaren Steuerdruck auf sie ausgeübt, und den Steuereinnehmern erlaubt, die furchtbarsten Foltern zu appliciren, um die Steuerreste zu erlangen; sie haben sich den ausgedehntesten Mißbrauch ihrer Gewalt insbesondere gegen den Bauernstand erlaubt; sie haben überhaupt Ostindien nur als eine Beute betrachtet, und sandten ihre Söhne dahin, möglichst bald sich zu bereichern und dann ins Mutterland zurückzukehren. Alles dies ist erwiesene Thatsache und wir fragen nun: welches ist der Unterschied zwischen den heidnischen Römern, und den christlichen Engländern? worin liegt die Stärkung der Humanität und Civilisation, welche die Menschheit seitdem gewonnen habe?... Wir müssen eingestehen, daß die Fortschritte, gegenüber den wilden Leidenschaften der Menschen nur sehr langsam sind; wir müssen erkennen, daß es besser wäre, die vielen lobhudelnden Phrasen fallen zu

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