Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1857)
- Date
- 1857-10-12
- Page
- Seite 574 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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574 räumen. Nun aber giebt es — was von allen denkenden Gelehrten, sie mögen der orthodoren oder neologen Richtung angehörcn, anerkannt wird — kaum einen Zweig der jüdischen Literatur, wo sich durch Unachtsamkeit, Mißverständniß oder Unkenntniß so viele sinnentstellende Druckfehler, Interpretationen und Verfälschungen mancher Art eingenistet haben, als in dem der Hagada. In neuer und neuester Zeit ist zwar Vieles zur Lichtung und Sichtung dieses Tohu wabohu geschehen; viele Emendationen der Oeffentlichkeit mitgeiheilt worden, aber die kritischen Arbeiten dieses Genres sind so zersplittert, in so mannigfachen Werken, verschieden an Sprache und Form, vertheilt, daß es selbst den Fachgelehrten nur mit schwerer Mühe möglich sein dürfte, sich aus diesen hier und da zerstreut herumliegcnden und großentheils noch sehr lückenhaften Materialien ein geordnetes Ganze zu bilden. Die Herausgabe sämmtlicher hagadischer Werke, sowohl aus den beiden Talmuden (etwa wie vp-" yy) als auch fännntliche, welchen Namen immer führende Midraschim («iiu) mit erschöpfenden, populär abgefaßten, historisch-kritischen Einleitungen, nebst gründlicher Wort- und Sacherklärung, scheint uns dringendes Zeiibedürfniß geworden zu sein. Zur Ergänzung eines solchen Werkes gehört natürlich auch 2) ein neu bearbeitetes hagadisches Wörterbuch iwie *pir), enthaltend alle in den Talmuden und Midraschim vorkommenden heimischen und fremden Wörter, mit Benutzung aller in diesem Fache erzielten Errungenschaften früherer und neuester Zeit. Dieser Doppelwunsch ist wohl — wir gestehen es — kein bescheidener, und der Architekt, der aus so vielen vereinzelten heterogenen Bausteinen ein ganzes, symmetrisch angelegtes und ausgeführtes Gebäude hcrzustcllen geeignet, müßte wohl ein genialer sein, aber auch diesem würde, materieller Hindernisse wegen, die Ausführung schwerlich gelingen; nur unter den Auspicien des Institutes wäre ein solches Werk nicht unausführbar, und — möchten wir demselben zuruse»: yiin ',2 nns erbi iruab n-rrbvn ‘yb? 'ivci2 bi^snb. Es ist dies nicht das Werk eines Jahres, auch nicht zweier Jahre, auch kann einem sehr großen Theile der Abonnenten, die sich mehr für den belletristischen Theil interessiren, den wissenschaftlichen aber blos als Ballast mitnehmen, nicht zugemuthet werden, auch solche Werke wohlgefällig aufzunehmen; aber auf subventionellem Wege könnte eine etwaige bandweise Herausgabe erwähnter Werke stattfinden, und — isra -fb ob«’« ‘jrQNb» bi>2 son “pbss; der Erfolg für die Mit- und Nachwelt wäre ein so glänzender, daß er nur dem der Herausgabe eines Conversations - Lerieons an die Seite gestellt werden könnte. — 3) Geschichtswerke bilden den Kern der vom Institute herausgegebenen Schriften. Zum gründlichen Verständniß der Geschichte sind gute Karten unentbehrlich; daran fehlt es unS aber bis jetzt gänzlich. Die vorhandenen haben in der Regel mehr oder wenigstens eben so die Bücher des neuen als des alten Bundes im Auge. Die Herausgabe eines specisisch jüdischen historischen Atlasses von Seiten oder auf Veranlassung des Instituts wäre daher sowohl für gebildete Leser als auch für jüdische Schulen ein sehr verdienstliches Werk. Wir können uns nicht enthalten, schließlich unfern Lieblings- und in der That frommen Wunsch, denn seine Wurzel ist Pietät, hier auszusprechen. Wir wünschen nämlich 4) cs würde jedes Jahr der literarischen Sendung auch eine artistische beigefügt, bestehend aus einem gelungenen Porträt von je Einem der drei Leiter des Instituts. Wir erachten es kaum für nöthig, diese Wunschesäußerung zu motiviren, wir glauben vielmehr mit Gewißheit annehmen zu dürfen, daß die Realisirung dieses Wunsches vielen Freunden der Wissenschaft und stillen Verehrern der Förderer derselben zum besondern Vergnügen gereichen würde.*) Ein Abonnent im Namen Vieler. Aus Oberungarn, im October. (Privatmitth.) Die Leser dieses Blattes wissen, daß der Plan der k. k. Regierung, die im Jahre 1849 von den Juden bezogene Million Gulden zu jüdischen Schulzwecken zu verwenden, in Ausführung zu bringen begonnen hat. Der dritte Artikel des desfallsigen Entwurfes bestimmte die Gründung eines Lehrerseminars füt den Kaiserstaat. Gerade dieser Punkt ist aber bis jetzt noch nicht in Angriff genommen worden, und wir beklagen noch mehr, daß die gesammte Presse diesen Gegenstand mit völligem Stillschweigen behandelt. Wer kann aber verkennen, daß dieses Lehrerseminar das wichtigste aller Schulinftitute ist? Wo *) Die drei ersten Wunsche sind allerdings überaus zu beherzigende, denen wir zur Zeit unsre ganze Aufmerksamkeit zuwenden werden. Die Redaction.