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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-10-12 · Heft 42 (12.10.1857) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 42 (12.10.1857)
Date
1857-10-12
Page
Seite 572 (sequence 6)
Language
German
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572 und sich deswegen on mssse auf den Bahnhof drängt, den er gerade passiren soll. Wohl aber dürftest Du Dich sehr verwundern, zu erfahren, daß das Rdomsker Chassidimlhum in Glciwitz noch seine „Anhänger" sindet. 0 tempors! o mores! — Aus Schlesien, 24. September. lPrivatmitth.) Dem L. Bernhardt'schrn Ehepaare, welches (wie ich Ihnen oben berichtete) am 9. d. M. fein goldenes Ehestandsjubiläum beging, wurde vorgestern ein Ehrengeschenk von Ihrer Majestät der Königin, bestehend in einer Prachtbibel, durch den Vorsteher der Breslauer „Königin-Elisabeth-Stiftung", Herrn vr. Springer — in Begleitung deS LandrabbinerS Tiktin und einer Vorstandsdame — feierlich überreicht. — Das katholische Gymnasium zu Gr. Glogau war in dem eben abgelaufene» Schuljahre von 30 jüdischen Zöglingen frequcntirt. — Im Bade Altwasser starb vor einigen Wochen der Professor Schönborn auS Posen, dessen Tod auch in jüdischen Kreisen nicht wenig Theilnahme erregte, und zwar nicht blos darum, weil der Verewigte ein tüchtiger Kenner und wahrer Freund der hebräischen Sprache und Literatur gewesen, sondern weil mehr noch aus dem Grunde, weil er als Gymnasiallehrer sich seinen jüdischen Schülern gegenüber immer nur mit ächter Menschenliebe benommen und allch in seinem gesellschaftlichen Umgänge (wie Referent aus eigener Erfahrung weiß) niemals die leiseste Spur deS Zopfes — der leider! noch so sehr vielen seiner College« in Deutschland anhängt, — hat wahrnehmen lassen. — Der ReligionSlehrer Dr. Deutsch in Posen, ein geborener Gleiwitzer, ist an eine Synagoge zu Philadelphia als Prediger berufen, und wird, wie ich höre, dem Rufe folgen. — In der österreichisch-schlesischen Gemeinde Tesche» soll ein Prediger ausgenommen und hierbei auf den Verfasser der Schrift „Geist der Agada" (Rabb. Hamburger im Posenschc») ganz besonders reflectirt werden. — Nach jüdischen Lehrern — namentlich solchen, die zur Annahme von Hauslehrerstellen geneigt wären, — giebt sich jetzt in hiesiger Provinz ein sehr großes Bedürfniß kund. Leobschütz, 18. September. (Privatmitth.) Wenn unsere gegenwärtig aus einigen 40 Familien bestehende Synagogcngemeinde seit jeher in einem sehr schlimmen Ruse hinsichtlich ihres strcngrcligiöscn Leberts steht, und dem Jndifferentiömus verfallen zu sein scheint, so hat diese Erscheinung einen ganz natürlichen Grund. Es ist nämlich in unserer überwiegend katholischen Stadt, in der noch dazu die jüdische Bevölkerung von einem äußerst geringen Anfang sich bis zu ihrer jetzigen Zahl allmählig vermehrt hat, die Einrichtung getroffen, daß der Wochenmarkt, der durch den vortrefflichen Boden unseres Kreises und den dadurch bedingten enormen Getreidevcrkehr weit und breit eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, gerade an Sonnabend abgehalten wird, was denn zur Folge hatte, daß fürs erste die Sabbathfeier so gut wie auf Null reducirt ist, — denn für die Gewerbtreibenden ist nun einmal der Wochcnmarkt der gewerblichste Tag in der Woche, — und fürs zweite die Vernachlässigung der Sabbathfcier das ganze religiöse Leben nach und nach zu einer höchst gleichgültigen Sache gemacht hat. Wie sehr aber der Materialismus selbst die sonst heiligsten Interessen der Juden, wohin die Heilighaltung des Sabbaths gehört, verdrängt hat, geht daraus hervor, daß jene Einrichtung keineswegs den Zuzug neuer jüdischer Familien zu verhindern vermocht hat, die denn nach längerer oder kürzerer Zeit an Judifferentismus die Eingeborenen wenn nicht übertreffen, so doch mindestens ihnen gleich kommen. Mögen immer die sich frömmer dünkenden, anderwärts wohnenden Juden, die ihren Sonnabend würdig begehen können, ohne Beeinträchtigung ihres Erwerbs, über ihre Leobschützer Glaubensgenossen schreien, und das Anathema über sie aussprechvn, — uns fällt es doch nicht ein, in diese Lieblosigkeit mit cinzustimmen, denn wo die grausame Nothwendigkeit gebietet, da leidet überall der Cultus darunter, und die Erfahrung würde lehren, daß selbst in den frömmsten Gemeinden, falls auch sie das Schicksal träfe, daß der Hauptgeschäftstag Jahr ein Jahr aus auf Sonnabend fiele, das religiöse Interesse allmählig erkalten würde. Wie wenig übrigens die Behörden geneigt sind, dergleichen Collisionen auch nur ausnahmsweise zu vermeiden, dafür diene folgender Beleg. Auf den Wunsch der hiesigen Gemeinde hat der Vorstand den Versuch gemacht, den Magistrat zu bitten, er möge mit Rücksicht auf unfern ersten Ncujahrstag, der zufälliger Weise diesmal auch auf einen Sonnabend falle, ausnahmsweise den Wochenmarkt auf den Tag vorher verlegen, wie dies bei den gebotenen Feiertagen, die auf Sonnabend fallen, hierorts häufig der Fall ist. Leider fand dieses Gesuch keine Berücksichtigung, weil nach dem

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