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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-10-05 · Heft 41 (5.10.1857) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 41 (5.10.1857)
Date
1857-10-05
Page
Seite 557 (sequence 5)
Language
German
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557 so umgekehrt: die Atmosphäre hat ein bestimmtes Gewicht — Thatsache — ob aber der Dunstkreis aufhöre oder nur in den höchsten Graden der Leichtigkeit nicht mehr wägbar sei, keinen meßbaren Druck aus die Quecksilbersäule ausübe, bleibt hypthetisch. Der mathematische Calcul kann sich weder für das Eine noch für das Andere entscheiden.*) Es ist, unseres Erachtens, mit diesem Beispiele, auf welches Herr St. so großes Gewicht legt, gar nichts bewiesen, als daß sich in der Physik Probleme finden, deren Lösung zweifelhaft bleibt, über die sich mit Pro und Contra streiten läßt. — Wer aber hat das bezweifelt? Wir überlassen es dem Leser, das dritte Beispiel (die Planetenbahnen S. 46.) selbst zu prüfen) es verhält sich mit demselben ganz wie mit dem vorigen) nicht der apriorischen Vernunft ist ein nothwendiger Jrrthum nachgewiesen, sondern mathematischer Calcul ist falsch an gewendet. Der Verf. saßt seinen Satz in die Worte: „Das Wirkliche ist nicht denkbar, nur erkennbar." Soll das heißen: ist nicht erdenkbar, so wird es von Jedem zugegeben) soll es aber heißen (und so versteht es St.): daS Wirkliche ist mit innerem Widerspruch behaftet, so ist dies nicht bewiesen. Wir können über gewisse Qualitäten u. dgl. des Realen nicht ins Klare kommen, wir können viele Phänomene nicht erklären, können die letzten Gründe aller Erscheinungen nicht begreifen, wir *) Sollte es übrigens Herrn St. unbekannt sein, daß man auch die Begrenztheit der Atmosphäre und sogar ihre Höhe in bestimmter Zahl auf mathematischem Wege, nämlich durch einfache trigonometrische Rechnung aus der Dämmerungsgrenze zu ermitteln versucht hat? — Wir fügen noch eine Frage an Herrn St. bei: Sind die falschen Theorien und Systeme, die allerdings in allen Zweigen der Naturkunde und zu allen Zeiten aufgestellt worden sind, immer durch neue (neu entdeckte oder beobachtete) Thatsachen corrigirt worden und nicht eben so oft durch tieferes Eingehen auf das Bekannte, durch wissenschaftliche Speculation? — Endlich noch eine Bemerkung: Herr St. sucht naturwissenschaftliche Antinomien und vorzugsweise aus dem nahezu übersinnlichen Gebiete, in Aetherhöhen. Wir wollen ihm mit einer recht grob sinnlichen dienen. Das Wirksame im Dünger ist nach Einigen (den Theoretikern) das Unverbrennliche, die mineralischen und alkalischen Bestandtheile) nach Andern (den Praktikern) das Verbrennliche, Stickstoff. Das sind total entgegengesetzte Behauptungen, für beide wird mit Vernunftgründen, freilich auch mit unsäglicher Grobheit, gekämpft, beide Theile gehen von Thatsachen aus, nur die Forschung geht verschiedene Wege; weiter dürfen wir die Parallele nicht ausführen, es würde unästhetisch, ja scurril lauten. müssen in physikalischen Dingen die Thatsachen gelten lassen, auch wo wir sie nicht zurechtlegen können; das credo, quamquam sit absurdum ist hier richtig, und es liegt nahe, davon Anwendung auf das Ueberstnnliche zu machen, wie denn das von Steinheim citirte Schleiden'sche: „Wir erklären es nicht, und doch ist es wahr; wir begreifen es nicht, und doch ist es da", im Grunde schon im 38. Cap. des B. Hiob gepredigt und auf das dogmatische Gebiet übertragen ist; gewiß, Thatsachen, wie das Entstehen von Süd- oder Nordpol beim Durchgehen des elektrischen Stromes durch eine rechts oder links gewundene Spirale, oder das Entstehen von Grün oder Roth beim Eintauchen des positiven oder negativen Drathpols in eine Salzlösung u. d. m. sind wohl geeignet, uns ein nw ötf ‘tti-r zuzurufcn — aber um diese Unbegreiflichkeit zum Kriterium alles Thatsächlichen zu machen, dazu müßten wir das alte eredo quia est absurdum aufrecht erhalten und dürften von sinnlicher» Dingen gar nichts begreifen. Geht aber Herr St. nun gar noch einen Schritt weiter und folgert: alles Unbegreifliche und Undenkbare ist eben deswegen real, so müssen wir dies geradezu für einen Trugschluß erklären. Ueber das zweite Charaktermerkmal des Wirklichen: die Gegensatzlosigkeit, können wir uns kurz fassen. Herr St. sagt, das Wirkliche hat keinen Gegensatz. Wir glauben nicht, daß er dies (S. 64. ff.) bewiesen hat. Daß Baum und Hund kein Gegentheil haben, ist klar; daß Licht und Finsterniß, Wärme und Kälte rc. keine realen Gegensätze sind, ist bekannt genug; aber wie ist es mit Wasserstoff und Sauerstoff? Darüber geht der Verf. sehr rasch hinweg! Positive und negative Elektricität aber werden von gewichtigen Autoritäten*) als reale Eristenzen betrachtet und bilden doch ohne Zweifel contradictorische Gegensätze! Und selbst wenn wir zugeben, daß alles OieaXe gegensatzlos ist, folgt dann daraus, daß alles Gegcnsatzlose real ist? Was ist das für eine Logik?! Den Lesern des Steinheim'schen Werkes ist es bekannt, daß unsere bisherige Polemik sich nicht, wie es sonst scheinen könnte, um Beiwerk und Allotria gedreht hat, sondern daß wir die Grundpfeiler seines Systems angegriffen und, so bedünkt es uns, erschüttert haben. Wir haben noch einen andern Grundpfeiler ins Auge zu fassen. (Schluß folgt.) *) Diesmal müssen wir uns auf Autoritäten berufen und können auf nähere Prüfung des S. 65. Gesagten nicht eingehen.

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