Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1857)
- Date
- 1857-10-05
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
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556 überall*) durch ihre Verechuung lediglich daS Gegentheil von dem in Wirklichkeit Vorhandenen! Bleiben wir nochmals bei dem Beispiele des warmen und kalten Wassers stehen. Die Theorie (die s. g. Richmann'sche Regel) sagt uns, daß, wenn wir 10 Pfund Wasser von 20 o und 5 Psd. von 60 0 zusammengießen, die Mischung 33 xfc ° haben muß, und die Erfahrung stimmt genau mit der Rechnung überein. Und so stimmen ja die zahllosen Berechnungen und Formeln der Statik und Mechanik, der Astronomie u. s. w. mit der Wirklichkeit überein, und jede nach theoretischer Rechnung construirte correct arbeitende Maschine, jede nach Vorherberechnung eintretende Finsterniß schlägt der Behauptung unseres Verfassers ins Gesicht. Doch halt! Herr St. redet nur von der apriorisch construirenden Vernunft, und diese ist eS nicht, die Finsternisse berechnet oder gar Maschinen baut. Gewiß nicht! Aber was hat sie denn mit der Berechnung der Dichtigkeit des Wassers zu thun?! — Das zweite von den drei Sttinheim'schen Beispielen wird uns die Sache klarer machen. Die Frage ob die Atmosphäre begrenzt sei, oder nicht, ist von Einigen bejabt, von Andern verneint worden. Die Letzteren stützen sich auf die fortschreitende, daher unendliche Verdünnung der Luft; die Ersteren darauf, daß die Lust ein bestimmtes Gewicht hat, also auch ein bestimmtes Volumen und eine bestimmte Grenze haben müsse; die neuesten Autoritäten**) haben für diese Ansicht entschieden. Nun sagt Herr St., die Einnahme von der Unbegrenzrheit der Atmosphäre ist das Resultat des mathematischen Calculs, der apriorischen Vernunft; die entgegen¬ *) Dieses „Ueberall" findet sich beim Vers, freilich nicht, eS ist aber klar, daß ohne dasselbe gar nichts anzufangen ist, wo bliebe sonst das Charakteristische des Wirklichen? **) Autoritäten! Ein wirkliches Factum, eine Beobachtung, die allem Zweifel ein Ende macht, kann Herr St. diesmal nicht anführen. Nun wäre es sehr anmaßend von uns, wollten wir die Autorität eines Faraday nicht gelten lassen; aber es will uns doch bedünken, als ob Faraday selbst (nach St.'s Citat S. 45.) nur von einem „etwa wie die Atmosphäre" redete, mithin die Sache nur plausibel gemacht und nicht bewiesen haben wollte. Und könnte man nicht sagen: die Queckfilberdünste sind in gewisser Höhe zu sehr v erdünnt, um noch auf Gold zu reagiren, sie hören aber darum nicht auf weiter emporzusteigen, etwa wie die Atmosphäre in gewisser Höhe nicht mehr ins Gewicht fällt, ohne darum eine Grenze zu haben? gesetzte das der physikalischen Induktion, der aposteriorischen Erkenntniß; jene muß dieser das Feld räumen — folglich eine Instanz gegen die apriorische Vernunft. Aber mit Nichten! Das Mariotte'sche Gesetz lautet: bei jedem luftförmigen Körper verändert sich das Volumen in umgekehrtem Verhältniß mit dem Drucke — das ist eine mathematische Formel; ob Mariotte zu derselben durch mathematischen Calcul oder durch Berechnung gegebener Thatsachen (Zahlen) gekommen sei, ist uns nicht bekannt; aber auch in ersterem Falle kann von apriorischer Construction keine Rede sein, sondern von Anwendung der Mathematik auf Physik. Hat der Mathematiker die Lust und ihre Eigenschaften aus sich heraus construirt, wie die Linien und Flächen, mit denen er operirt und demonstrirt und die allerdings in der Wirklichkeit gar nicht adäquat vorhanden zu sein brauchen? Wem ist es je eingefallen zu behaupten, man könne a priori construiren, daß die Lust, nicht etwa in unermeßlicher Höhe, sondern nur in einer Dachstube, dünner sei, als auf dem Straßenpflaster? Was weiß die apriorische Vernunft von der wirklichen Luft*) und was ist das für eine Vermengung von reiner und angewandter Mathematik? Müßten wir wirklich erörtern, daß in der Physik, überhaupt in rerum natura, nur von der letzteren die Rede sein kann; daß, wenn die Berechnungen derselben die Probe nicht aushalten, die Schuld nicht an der Mathematik, an der apriorischen Vernunft, sondern an der falschen Anwendung liegt? Wie kann Herr St. in solchen Dingen von „mathematischen Dogmen", „Vernunfturiomen" reden! Die Infinitesimalrechnung, als Theil der reinen Mathematik, ist infallibel, sie operirt mit und nach ihren Definitionen; ob es in der Wirklichkeit unendliche Größen giebt, kümmert sie durchaus nicht; wer nachher die Anwendung machen will, sehe zu, daß er nicht irre. In der speciellen Frage der Atmvsphärengrenze scheint uns die Sachlage ganz einfach die zu sein: Die Luft wird nach oben immer und nach mathematischer Progression dünner, das ist eine durch Barometermessung zu erkennende Thatsache; ob aber diese fortschreitende Verdünnung in infinitum gehe, ist und bleibt lediglich Hypothese. Eben *) Man könnte vielleicht einwenden, der Mathematiker' gehe rein von der Definition eines lustförmigen Körpers aus und schließe aus und nach dieser Definition, daß jede obere Schicht auf die untere drücken müsse u. s. w.; aber was hätte diese Definitionsluft mit der, in der wir athmen und leben, und um die es sich in der Physik handelt, zu thun?