Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1857)
- Date
- 1857-10-05
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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555 Da bietet sich denn gleich ein gewichtiges Bedenken. Es giebt allerdings auch in der Naturwissenschaft Partien, in denen die Thatsachen selbst erst bewiesen werden müssen, d. h. angezweiftlt, bestritten oder — bespöttelt werden; aber das betrifft auch eben jene „Nachtseiten der Natur" oder die „Kehrseiten" und parties honteuses der Naturwissenschaft; denn freilich, wenn z. B. Herr v. Reichenbach seine Thatsachen unwiderleglich als solche dargethan hätte, so müßten wir uns schon mit gebundenen Händen seinem System o d i s ch e n Spukes gefangen geben. Das Bedenken liegt nahe, daß Herr St. uns auf die Weise immer nicht aus der von ihm getadelten alten Thelogie herausführen, daß es sich fort und fort um einen Gegensatz zwischen Glauben und Unglauben handeln wird, Beides in dem von St. perhorrescirten Sinne des Fürwahrhaltens oder nicht Fürwahrhaltens, weil man überzeugt sein will oder nicht will — und Wem fällt dabei nicht alsbald ein, wie gerade bei solchen Materien theologische und naturwissenschaftliche Ansichten in bedenklicher Fusion unter einander zu laufen pflegen! Indessen ist das nur ein Bedenken, ein Zweifel, dem wir Worte leihen wollten; ein Weiteres daraus abzuleiten, wäre eine Voreiligkeit, die dem Vers, gegenüber um so unverzeihlicher wäre, als er seine Untersuchungen mit möglichster Gründlichkeit anlegt, denn ein großer Theil des Buches ist der Frage gewidmet: was ist eine Thatsache, welches sind die Charaktermerkmale einer solchen^ Gewiß, man kann das Fundament nicht tiefer ausgraben! Der Vers, giebt uns zwei Kennzeichen des Thatsächlichen, 1) die Unbegreiflichkeit, das Undenkbare, Wunderbare; 2) die Gegensatzlofigkeit. Der Schwerpunkt seines Werkes Liegt hier; wir haben, der Vers, fordert wiederholt und dringend dazu auf, seine betreffenden Sätze genau zu prüfen. Das Thatsächliche, Reale, wird daran erkannt, sagt Herr St., daß es unbegreiflich ist. Unsere (reine, construirende) Vernunft kann nicht nur das „Ding an sich", das Wesen der Dinge, nicht erkennen (wie schon Kant lehrte), sondern das, was sie von dem Wesen der Dinge in der sinnlichen Natur aussagt, steht im Widerspruch mit dem, was wir in der Wirklichkeit vorsinden und anzunchmen gezwungen find. Die Vernunft erlangt durch ihre Constructionen nicht nur nichts, sondern das gerade Gegentheil von dem Wirklichen. Mithin: was die Vernunft aus sich construiren kann, das eristirt nur auch in ihr, nicht in der Wirklichkeit; was wirklich ist, muß sich dadurch legitimiren, daß es mit der Vernunft (natürlich immer: der reinen, apriorischen) in Gegensatz tritt. Diese gewiß „schwer zu verhämmernden" Sätze will der Verf. durch drei Beispiele aus der Physik erhärten. Das Wasser wird, wie alle Dinge, durch Kälte zusammengezogen; die Vernunft sagt daher: es muß bis zum Gefrierpunkte stetig an Volumen abnehmen; aber, siehe da, von + 3 — 4 0 dehnt es sich wieder aus — das ist ein überraschendes, unerwartetes Phänomen, sagt Herr St., etwas Wunderbares, dessen anbetungswürdig weise Zweckmäßigkeit Schleiden nachgewiesen hat. — Aber ist es auch ein „unberechenbares" Phänomen? Wir glauben: nein! Wir haben hier weiter nichts als eine noch nicht erklärte, noch nicht berechnete und die bisherige Rechnung umstoßende Thatsache, der unsere Vernunft allerdings sich unterwerfen muß, nicht weil oder obgleich sie ihr contradictorisch ist, sondern ganz einfach darum, weil unsere Vernunft gegen die „eracten" Aussagen gut gearbeiteter physikalischer Werkzeuge — wahrer Lancasterkanonen der Wissenschaft — nicht aufkommen kann. Wer wird aber die Behauptung wagen, daß es nie gelingen werde, ja könne, jenes Phänomen zu erklären, die Theorie zu verbessern, und die Contraction des Wassers so zu berechnen, daß der Calcul mit der Wirklichkeit stimmt? Sind doch tausend frappante physikalische Thalsachen durch eingehende Forschung und glückliche Hypothesen enträthselt worden! Und wenn der Schluß, daß sich daS Wasser bei zunehmender Kälte immerfort verdichten müsse, ein übereilter und falscher ist, wenn die Vernunft in diesem und hundert andern Fällen falsch calculirt hat, folgt daraus, daß fie zu calculiren unfähig sei? Nach dem Gesetze von der Verdichtung durch Kälte und der Ausdehnung durch Hitze wäre es auch unerklärlich, daß das Eis auf dem Wasser schwimmt und daß der Thon, aus welchem Wedgewood seinen Pyrometer verfertigte, sich in Gluthhitze zusammenzieht, aber „überraschend" wird Herr St. das erstere Phänomen nicht nennen, weil es seit Jahrtausenden bekannt ist, und „wunderbar" beide nicht, weil die richtige Erklärung in jedem physikalischen Lehrbuche steht. Will also der Verf. weiter nichts sagen, als daß es Naturerscheinungen giebt, die gegen unsere Berechnungen, Hypothesen und Theorien anstoßen, andere, die sich jeder Erklärung zu entziehen scheinen und daß in solchen Fällen die Berechnung der Thatsache weichen muß und nicht umgekehrt, so ließe sich die Zahl der Beispiele leicht vermehren; aber welch ein Sprung bis zu der Behauptung: unsere Vernunft findet 41 *