Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1857)
- Date
- 1857-09-28
- Page
- Seite 544 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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544 Merchingen, int Großh. Baden, im August. faEEEEEill Nach längerem Leiden starb am 25. August, in einem Alter von 58 Jahren, Bezirksrabbiner Zacharias Staadecker von hier, nachdem derselbe dem diesseitigen Rabbinate ein Vierteljahrhundert vorgestanden. Derselbe gehörte entschieden der Claffe der strenggläubigen Rabbiner an, war aber auch in vielen anderen Beziehungen ein höchst achtenöwerther Charakter. Er suchte zu belehren, zu überzeugen und seine religiöse Anschauung zu verbreiten; ließ sich aber da, wo seine Lehren keinen Eingang, keinen fruchtbaren Boden fanden, weder von leidenschaftlichen Ausbrüchen noch gar von Verfolgung hinreißcn. Nächst der Toleranz zeichneten ihn Bescheidenheit, Demuth und Genügsamkeit auS, ein Drcigestirn, das wir in unserer Zeit so selten vereinigt finden I Sein umfassendes rabbinischeS Wissen veranlaßte ihn nie zu jener orthodoxen Arroganz, die Viele feines Gleichen kennzeichnet. Auch auf hierin minder befähigte College» sah er nie geringschätzend herunter, wußte vielmehr daS anderweitige Wissen Jener gebührend zu würdigen. Aber trotz seines streng talmudischen Denkens und Lebens, war er den Anforderungen der Zeit nie entgegen getreten, sobald er die Ueberzeugung gewonnen, daß das religiöse Leben dadurch nicht beeinträchtigt oder gefährdet werde. Mit diesen Eigenschaften ausgerüstet, stand er unermüdet, ja oft nur mit zu großer Acngstlichkeit seinem Berufe vor. Sein Leichenbegängniß bekundete die Anhänglichkeit nicht nur der seiner geistlichen Obhut anvertrauten Gemeinden, sondern sogar von zehnstündiger Entfernung eilten Leute herbei, um ihm den letzten LiebeSgang zu erzeigen. Sämmtliche angrenzende Orte Württembergs waren zahlreich vertreten. Noch nie ist hier und in der Umgegend ein größerer und feierlicher Leichenzug gesehen worden. Erschütternd war insbesondere der Moment, als die Leiche in die Synagoge getragen und an der Stelle niedergesetzt wurde, von der der Verstorbene so oft sein mahnendes Wort ertönen ließ. Zuerst trat ein intimer Freund des Verstorbenen, Herr Rabbiner Hirsch Berlinger von Berlichingen, auf, und hielt einen rabbinischen Vortrag. Rach ihm sprach noch Herr Bezirksrabbiner Löwenstein von Tauberbischofsheim und Herr Bezirksrabbiner Weil von Mosbach. Ersterer in der Synagoge, Letzterer auf dem Friedhofe. Beide Redner forderten mit eindringlichen Worten die Umstehenden auf, die Liebe zu dem Entschlafenen auf dessen Hinterlassenen zu übertragen. Derselbe hinterläßt nämlich eine kranke Wittwe mit 8 Kindern, von denen 6 noch unmündig, daS jüngste erst 3 Jahre alt ist. R. Preußen. Autz Schlesien, 7. September. (Privatmitth.) BreSlau hat gegenwärtig 8625 jüdische Einwohner, während cs Ende 1822 deren nur 4765 aufzuwcisen hatte. Hiernach ist nun die jüdische Bevölkerung dieser Stadt innerhalb der letzten 35 Jahre um 3800 Seelen gewachsen. Bedeutender noch stellt sich der Zuwachs in vielen andern Gemeinden der Provinz heraus. So hat sich manche derselben in den letzten 3 Deeennien sogar um das Drei- oder Vierfache vergrößert. Das Günstigste aber bei der Sache ist, daß fast überall eher eine Vermehrung als eine Verringerung dcS Wohlstandes wahrgenommen wird, und giebt cS auch keinen Ptmkt auf der Erde, wo das Glück nicht seine Güter ganz ungleich vertheilt hätte, so übertreiben wir doch nicht, wenn wir behaupten, die meisten jüdischen Gemeinden Schlesiens seien wohlhabende zu nennen. In vielen derselben sind „notorisch arme Leute" fast gar nicht anzutreffen, und so sonderbar es auch klingen mag, so ist rö doch nichts desto weniger wahr, daß es nicht selten — beim besten Willen — an der Gelegenheit gebricht, Almosen zu spenden, weil Keiner da ist, der sie empfangen soll. Man wird sich indeß über diese günstige Erscheinung weniger wundern, wenn man die rastlose Thätigkeit sieht, welcher hier zu Lande alle unsere Glaubensgenossen ergeben sind, die Unverdrossenheit, mit welcher Alles arbeitet, rtnd den ernsten Widerwillen, womit Jeder den Müssiggang flieht. Wie dieses einerseits, so kann es aber auch andererseits nicht verkannt werden, daß man hier nicht so leicht Einen ganz verarmen — mit andern Worten gesagt: an den Bettelstab kommen läßt. In LandeShuth, einer Mittelgemeinde in Niederschlesien, wird ein neues, sehr schönes Gotteshaus erbaut, daS noch vor den hohen Festtagen fertig und