Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1857)
- Date
- 1857-09-21
- Page
- Seite 533 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Z33 torität gegeben ist. Die Kirche verkündet nicht ihre Lehren durch den Mund politischer Blätter, und daS Beispiel des „Univers" zeigt, zu welchen Spaltungen, ja zu welchen Skandalen die Anmaßung führt, Urtheile ohne Befugniß abzugeben. Schaden bringen sie, weil sie die Politik, ja die Civilisation Oesterreichs verdächtigen, und seinen Einfluß dort schmälern, wo er am nothwendigsten erhalten werden sollte." Padua, 3. September. (Privatmitth.) Am gestrigen Tage beehrte Se. K. H. der Erzherzog Ferdinand Mar, General-Gouverneur deS L. V. Königreichs, das rabbinische Institut mit einem Besuche und erklärte seine hohe Zufriedenheit in sehr wohlwollenden Ausdrücken. Bezeichnend ist es allerdings, daß die hiesigen Zeitungen, obgleich sie jeden anderen Schritt Sr. K. Hoheit ausführlich beschrieben haben, von diesem Besuche im rabbinischen Institute keine Erwähnung thun. Pesth, 9. September. (Privatmitth.) Die diesjährige Schulprüfung wurde durch einen tief ergreifenden Act besonders markirt, indem Herr Arnold Klaber, Lehrer de- Hebräischen und der Religion an der hiesigen israelitischen Haupt- und Unterrealschule nach 25jährigem Wirken seiner geschwächten Körperkräfte wegen seinen Abschied genommen. Das Wort, daS er bei dieser Trennung sprach, auS tief gerührtem Herzen kommend, und allgemeine Rührung hervorrufend, wurde von dem hochwürdigen Localschul- Director, Herrn Kriegler, dahin beantwortet: Werther Herr Religionölehrer! wenn ich noch nicht Gelegenheit hatte, Ihre Verdienste zu erkennen (Herr Direktor ist erst kurze Zeit in Wirksamkeit), so sind Sie mir doch als Derjenige bezeichnet, dem vollkommene Anerkennung gebührt; und wäre dieses nicht der Fall, so waren die Thränen der Schüler, deS ehrsamen Vorstandes und aller Prüsungsgäste hinlänglicher Beweis dafür; seien Sie daher versichert, daß die löbliche Schulbehörde, ein hohes Unterrichtsministerium, ja Se. apostolische Majestät davon in Kenntniß gesetzt werden wird; und von der Gnade unseres allergnädigsten Kaisers dürfte Ihnen zur Zeit ein Zeichen der Anerkennung zu Theil werden." Eben so anerkennend äußerten sich die Vorsteher der Cultusgemeinde, die Herren D. Fleische! und D. Gans; Herr Di*. Hauser, Präses der Schulinspection, der große Verdienste um die Schule hat, nannte Herrn Klaber Nestor und Muster der jüdischen Lehrer; aber besonders rührend waren die Abschiedsworte unseres würdigen Predigers, des Herrn Jos. Bach, der auch die Zeit herannahen fühlt, die auch ihm zurust: sage Deinem Amte ein Lebewohl! Diese Thatsache spricht deutlich dafür, daß der Austritt des Herrn Klaber aus der Schule ein Verlust für das Judenthum ist, denn solche Männer sind etwas selten geworden. Zur Ehre der hiesigen CultuSgemeinde dürfen wir hoffen, daß ein solcher Mann seine noch spärlich zugemessenen Tage sorgenfrei und bequem verleben wird; denn Humanität ist Zierde der hiesigen Gemeinde. H. S..... r. Venedig, 27. August. (Privatmitth.) Wer nach Frankfurt am Main kommt, wird eS wohl kaum versäumen, die Judengasse zu besuchen. Allerdings scheint es, daß daS Geburtshaus Börne'S und der Stammsitz der Familie Rothschild zur Popularität dieser Judengaffe beigetragen haben. Die Judengasse Venedigs hat aber eine weit bedeutendere historische Wichtigkeit. Bekanntlich herrschen die mannigfachsten Ansichten über die Entstehung deS Wortes „Ghetto", schmählichen Angedenkens, das auch in Deutschland allgemein adoptirt wurde. Nach einer Version deS Historikers Rumänin hier stammt daS Wort her von gelte, Kanonengießerei. Wo später die Judengaffe entstand bei S. Gerolamo, da war früher die Kanonengießerei der Republik. Es ist durch Aktenstücke documentirt, daß dieser Platz il getlo genannt wurde und später ist die Aussprache dieses Wortes in ghetto verballhornt worden und hat seinen traurigen Umzug durch fast ganz Europa gehalten. Hinzufügen muß ich noch, daß der Ausdruck in den Erlässen der Republik zu Venedig noch längere Zeit nachher nicht firirt ist, und eS heißt bald getlo, bald ghetto. DaS betreffende Gesetz, das durch mannigfache Gründe gestützt wird, ist vom 19. März 1516 In RogatiS und lautet der Passus: „et debbino andare immediate ad habitas undi in la Corte de case che sono in G(h)etto oppretto San Gerolamo.“ — Jetzt wohnen wenig Juden mehr im Ghetto; nur die Armen sind zurückgeblieben, alles Andere ist weggezogen. ES giebt aber sehr viel Armuth in Venedig und sie erreicht oft die schauerlichsten Dimensionen. Wenn ich nun auf das innere Getriebe dieser Gemeinde eingehe, so habe ich vor Allem zu bemerken, 39