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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-09-21 · Heft 39 (21.9.1857) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 39 (21.9.1857)
Date
1857-09-21
Page
Seite 526 (sequence 2)
Language
German
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526 reichen; es muß endlich der Charakter der neuen Zeit sich entschieden Herausstellen; es muß eine frische, schöpferische Kraft, die nicht blos dem Drängen äußerer Einflüsse nachgiebt, sondern selbstständig den Impuls zu neuer Gestaltung zu ertheilen vermag, erscheinen, wenn nicht das Ganze in Zersetzung und Verstäubung gerathen soll. Daß das Judenthum die letztere nicht zu fürchten habe, können wir aus den mannigfaltigsten Merkmalen erweisen. Bekundet doch die Ueberzeugungstreue sich in zahllosen Individuen, welche dem ceremoniellen Leben, dem Leben nach Gesetz und Satzung völlig fremd geworden, ja so erzogen sind, daß sie jenes gar nicht kennen, und bewähren diese sich in Opfern, die darum viel höher anzuschlagen, als bei Solchen, welche niemals aus dem alten Cultusleben des Judenthums' herausgetreten. Die ersten und nothwendigften Zeichen aber, daß die Uebergangszeit zu einer neuen, wirklichen Schöpfung gelange, find: 1) daß die bloße Negation aushöre, und 2) daß zuerst nach außen hin die Stellung eine festere, abgegrenztere werde. Wie bei flüssigem Metall die glühende Masse zuerst an ihren Grenzen wiever eine feste Gestalt annimmt, und erst von da nach innen zu sich consolidirt, und nach und nach die Gluth verliert, welche ihre Atome zu einer gestaltlosen Masse verschmolz: so müssen auch in dem großen Gährungsprecesse eines Zeitumschwungs die Linien nach außen sich wieder feststellen, bevor nach innen zu eine gegliederte Organisation sich bilden kann. Dem Tieferblickenden wird diese Erscheinung nicht räthselhaft sein, sondern mit allen Gesetzen der Entwickelung übereinstimmen. — Es wurden in der jüngsten Zeit mehrfache Fragen aufgeworfen, die freilich an sich nicht neu sind, sondern in allen Zeiten vorkamen, aber in unsrer Zeit häufiger werden mußten, und unter den so sehr veränderten Umständen ganz andere Seiten zeigen. Es ist dies zuerst die Stellung des Judenthums zu den von ihm Abgefallenen. Der in diesen Blättern vorgetragene Streitpunkt: wie man sich zu verhalten habe, wenn ein getaufter Jude seiner Schwägerin die Chalizah verweigert? ist nur ein Symptom der ganzen Erscheinung. Wir haben eine ganze Anzahl Männer sich darüber aussprechen lassen; noch viel mehr Privatbriefe haben wir darüber erhalten. Man hat aber gesehen, daß ans diesem Wege zu gar keinem Ziele gelangt wird. A. knüpft an einen verlorenen Posten irgend einer liberaler gesinnten Autorität an; V. hingegen beharrt auf der strengeren Praris und bestreitet A. und dessen angeführte Autorität. Aber wo so mächtig die Zeit ihren verändernden, ja zermalmenden Einfluß bethätigt hat, kann man weder bei A. und seiner alten Autorität, noch bei B. und seiner strengen Praris stehen bleiben, sondern das Judenthum muß mit neuer schöpferischer Gewalt sich seine Grenzen neu abmarken, und eine bestimmte Stellung wieder erobern. Nach dem alten Principe wurde der getaufte Jude immer noch als Jude angesehen, er wurde zu großem Theil in seinen Zuchten als Jude anerkannt, und den Juden Pflichten gegen ihn als Juden auferlegt. Gerechtfertigt war dieses Princip insonders zu einer Zeit, wo zahllose Juden der äußersten Gewalt wichen und zum Christenthume gezwungen, unter dem geheimen Vorbehalt übertraten, sobald die Umstände es erlauben würden, wieder offen zur Religion ihrer Väter zurückzukehren. Aber diese Zeit ist vorüber; wer jetzt das Juventhum verläßt, thut es nicht in Folge eines Zwanges, sondern mit freier Ueberlegung. Die Glaubenslehren des Christenthums — nicht das Moralgesetz — stehen den Lehrsätzen des Zudenthnms schnurstracks gegenüber; der Jude, der daher Christ wird, verneint die Lehren des Judenthums und bejaht die Glaubenslehren des Christenthums. Der übertretende Jude verlängnet zugleich das ganze Gesetz des Judenthums, wirft mit einem Mate alle religiösen Verpflichtungen des Juden ab, und nimmt dafür die religiösen Verpflichtungen des Christen ans sich, wie Taufe, Abendmahl, Beichte u. s. w. Wie soll man nun unter solchen Umständen den getauften Juden noch als Juden ansehen?! Es liegt darin eben so viel Schwäche, wie Anmaßung und Unklugheit. Die letztere, indem man somit die Bedeutung dieses Uebertritts vermindert, indem man den gänzlichen Abfall vom Judenthume nur mit der Verletzung irgend eines Gesetzes gleichstellt, und Leichtsinnigen den Einwand an die Hand giebt: ich bleibe ja doch Jude. Anmaßung, indem man in daö Gebiet einer anderen Religion eingreift, und Bekenner derselben noch als seine eigenen beansprucht. Endlich Schwäche, indem man eine völlige Verläugnung seiner Religion noch nicht als Trennung von derselben zu bezeichnen wmgt. Es giebt keinen widrigeren Anblick, als einem getauften Juden die Abhaltung einer jüdischen Ceremonie, wie Chalizah oder Get abbetteln zn sehen. Welche Erniedrigung muß sich das Judenthum hierbei gefallen lassen. Selbst die orthodoresten Rabbinen fühlten dies und suchten Auswege, wie z. B. der sel. Rabbi Akiba Eger in Posen in einem solchen Falle entschieden haben soll, die Chalizah für nicht nöthig erklären zu wollen, wenn ihm hundert Rabbinen beistimmen.

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