Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-09-14 · Heft 38 (14.9.1857) · p. Seite 518

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 38 (14.9.1857)
Date
1857-09-14
Page
Seite 518 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226078--16371-3245223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

518 ner von Thränen erstickten Stimme von der Kanzel herab Abschied genommen, worauf ihm die Gemeinde, den Vorsteher an der Spitze, eine trefflich stylisirte Adresse überreichte, die sowohl den Empfänger als die Gemeinde ehrt. Wenn dieselbe den Dank und die Anerkennung für die als Schulmann, Seelenhirt und Prediger gleich ausgezeichnete Wirksamkeit auSsprechcn durfte, so ist andererseits nicht zu läugnen, daß der Gefeierte hier einen üppigen Boden fand, der den gestreuten Samen zur herrlichen Entwickelung freudig aufnahm. Alles drängte sich dann zum Abschiede, wobei die tiefste Rührung sich aussprach. Heute Morgen versammelte sich die ganze Gemeinde erst zum Gebet, und dann zur Begleitung. Die Schuljugend voran, geleitete die ganze Gemeinde den Mann, der es wohl fühlen mußte, daß er sich von lauter treuen Kindern und verehrenden Freunden trenne. Am Scheidepunkte angelangt, sprach Einer der Angesehensten und Würdigsten der hiesigen Gemeinde den Scheidegruß in hebräischer Sprache; da war kein Herz, welches nicht von innigster Wehmuth erfüllt war. Möge er in seinem neuen Bestimmungsorte einen ähnlichen Boden finden, um eine gleiche ungestörte Thätigkeit entwickeln zu können; möge er dort Freunde und Verehrer finden, wie er sie hier verließ. 8. k'. Die Schweiz. Lengenau, im August. (Privatmitth.) In politischer Beziehung ist in jüdischen Angelegenheiten Windstille. Die Vollziehung der Beschlüsse der Bundesversammlung vom vorigen Jahre ist noch nicht erfolgt, bleibt aber gewiß nicht aus. Ueber die Zögerung ist gerade keine Bestürzung unter den Aargauer Juden, den einzigen ächten Schweizersöhnen mosaischen Glaubens. Doch hat cs auch einige jüdische Schweizerbürger in Genf. Wenn man handeln kann „waS man will und wo man will", so kümmert man sich nicht viel um politische Rechte. Wenn auch, wie Ihr Correspondent in Nummer 27. berichtet, hie und da ein Canton Mores macht, so nützt das den Judenfeinden nicht viel. Die bedeutendsten Cantone nehmen Juden auf und im Aargau sind sie vollständig emancipirt. Mit der Judenfeindlichkeit in der Schweiz war eö eben nie so gefährlich, wie man auswärts glauben wollte. Von rohen Ausbrüchen gegen Juden weiß man seit mehr als 50 Jahren nichts; von Vorkommnissen, wie sie im Jahre 1848 gegen Juden im Elsaß stattfanden, weiß man seit dem dunkeln Mittelalter nichts. Von den mittelalterlichen Gesetzen, die in der Schweiz noch bis in die neueste Zeit eristirten, wußte manche Volksclasse gar nichts. Mir der Besserstellung der Israeliten befassen sich die humanem Magistraten der Schweiz feit 1848; ein Theil der Beschränkungen fiel schon 1846. Aber nicht eine rabbinische Autorität ist es, wie in Klein's jüdischem Kalender von Mannheim aus berichtet wird, welche die Aargauische Regierung zu Gunsten der Juden umgestimmt hat. Das, was außerhalb den Ralhstuben hiefür geschehen, ging von den Aargauischen Israeliten aus, in deren Mitte für die Emancipation am meisten Herr Lehrer DreifuS thätig war. Den besten Ruck darin that Herr Nationalrath Jäger, dessen Rede im Großen Rathe von 1846 in der Allg. Ztg. d. Jud. ab gedruckt ifh Im Jahre 1853, als das neue Aargauische bürgerliche Gesetzbuch zu Ende berathen wurde, brachte er in die Schluß- und Uebergangsparagraphen, laut welcher alle früheren Gesetze, welche dem neuen widersprachen, aufgehoben wurden, den Passus hinein, daß somit auch das beschränkende Judengesetz von 1809 aufgehoben sei. Die wenigen Gegner der Juden im Großen Rathe stutzten, schwiegen aber, und somit war der zweite und beste Ruck geschehen. Der letzte ging von Herrn Regierungspräsident Dubs in Zürich aus. Er brachte die Sache vor die eidgenössischen Rathe, wo das Memoire der Aargauischen Regierung endlich durchdrang. Das Alles geschah ohne fremden Einfluß. Wohl aber haben Sie, verehrter Herr Redacteur, trefflicher und scharfsinniger Weise den wahren Einfluß auf die Sache der Schweizcrjuden in mehreren Nummern Ihrer geschätzten Zeitung genannt. Die Entwickelung der Verhältnisse eines Freistaates, durch welche eine so grelle Anomalie nicht länger bestehen konnte, die herrliche Bundesverfassung und die Humanität der Aargauischen Regierung seien es, sagten Sie, welche die Sache der Schweizerjuden zur glücklichen Lösung brachten. Und so ist cS auch wirklich. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen; denn mancher einflußreiche Schweizer, der eben nicht ganz ohne Vorurtheil gegen die Juden war, sagte: man muß sie emancipiren. Ihr Correspondent sagt in No. 27. nun ferner, daß man in der Schweiz keine Stunde weit gehen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.