Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 36 (31.8.1857)
- Date
- 1857-08-31
- Page
- Seite 487 (sequence 5)
- Language
- German
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487 den Intentionen der Gesetzgebung, sondern einer bloßen Zufälligkeit ihre Entstehung verdankt; allein an deren Stelle wäre die grundsätzliche Zurücksetzung hinter den übrigen Staatsbürgern ausgesprochen worden. Rothschild hätte einen Sitz im Parlamente gewonnen, die Juden hätten ihre politische Gleichberechtigung verloren. Es dürfte auffallend erscheinen, daß eine Angelegenheit von so geringer politischer Bedeutung wie die vorliegende, ein volles Jahrzehend hindurch die Legislatur beschäftigen kann, ohne zum Abschluß zu gelangen. Allein gerade solche Fragen, die weniger in das Staatsgetriebe eingreifen, werden von allen Parteien am liebsten zu Nebenzwecken benutzt. Wir' dürfen darum auch nur einen geringen Theil der Theilnahme, die im diesjährigen Parlamente der Frage zugewendet wurde, als aufrichtige Sympathie für die Sache betrachten. Den vielen neuen Abgeordneten der liberalen Partei war es darum zu thun, ihren Wählern ein freisinniges Votum aufweisen zu können, vielleicht nur um in näherliegenden Fragen sich um so eher eine abweichende Ansicht erlauben zu können. Dem Gouvernement lag daran, in einem liberalen Antrag von geringer Tragweite dem dringenden Nus nach Reform nachzugcben. Lord John Russell suchte durch die Judenbill sein verlorenes politisches Ansehen wieder zu gewinnen. Oberhaus und Unterhaus suchten ihre resp. Autoritäten geltend zu machen, da beide bereits zu weit gegangen, um ohne Gefahr für ihr Ansehen nachgeben zu können. Dieser letztere Umstand ist es hauptsächlich, der eine baldige Lösung der Frage in Aussicht stellt. Das Unterhaus ist erbittert über die Anmaßung der Peers, einen Antrag zu verwerfen, für den sich die Volksstimme in vier Parlamenten so entschieden ausgesprochen hat, und entschlossen, falls der Russell'sche Antrag nicht durchgehen sollte, eigenmächtig die Zulassung Rothschild's zu beschließen. Diese Maßregel würde einen Competenzstreit Hervorrufen, der einem solchen fait accompli gegenüber nothwendig zu Gunsten des Unterhauses entschieden werden müßte. Es ist nur zu bedauern, daß dieser Schritt nicht schon vor Jahren gethan worden ist. Der Erfolg steht auf diesem Wege außer Frage, und wenn das Gouvernement nicht zu dem noch extremeren Mittel schreiten will, durch Creirung einer Anzahl neuer Peers die gegenwärtige Majorität im Oberhause zu einer Minorität zu machen, so ist diese Maßregel der eigenmächtigen Resolution die einzige, die in dieser Sache eine Entscheidung zu Wege bringen kann. Literarischer Wochenbericht. Magdeburg, 24. August. Wir haben in No. 34. das Berliner „Jahrbuch" und insonders die darin enthaltene Novelle „Vögele, der Maggid" von Nebenüein besprochen. In der „Voss. Ztg." No. 169. wird hierüber gesagt: „Das Leben in der jüdischen Gemeinde zur Zeit ves Ministeriums Altenstein wird hier von seiner orthovoren Seite aus so voll Humor, Poesie und Wahrheit gemalt, daß dieser heitere Aufsatz vielleicht mehr als die ernsten Re so r mschriften Hold heims und Sterns die Ueberzeugung von dem Anachronismus und derUnhallbarkeit der ceremoniellen Orthodoxie befestigt. Verfasser und Herausgeber haben sich hierdurch ein wahrhaftes Verdienst um die gesellschaftliche Stellung der Juden erworben." — Hiergegen^ erhalten wir von werthgeschätzter Hand folgendes Jnsertum: Berlin, im August. Vor einem Monat erschien im Verlage von Veit u. Comp.: Kalender und Jahrbuch für die jüdischen Gemeinden Preußens, herausgegeben von Ph. Wertheim, Secretair der jüdischen Gemeinde zu Berlin. In obigem Kalender befindet stch eine Erzählung, Vögele, der Maggid, die nach der Ueberzeugung eines jeden Unbefangenen das Judenthum in seinen Symbolen, in seinen Ceremomen in der größtmöglichsten Weise lächerlich macht — dieserhalb eben aller sittlichen Momente, die doch ein Volkskalender haben muß, entbehrt — und statt in geistreich wissenschaftlicher Weise einen Kampf zu wagen — durch diese Art sich mit dem Stempel geistiger Armuth kennzeichnet. — Daß ein derartiges Lächerlichmachen jüdischer Ceremonien in einem jüdischen Volkskalender, der auf seinem Titelblatt die Bemerkung enthält — herausgegeben vom Secretair der jüdischen Gemeinde zu Berlin (also einem Gemeindebeamten)— ungehörig, und in befangenen, ohnedies durch den Inhalt erwähnter Erzählung indignirten Gemüthern leicht den Gedanken erstehen lassen dürfte, diese Kalenderausgabe wäre unter den Auspicien des hiesigen Vorstandes erfolgt, erscheint durchaus nicht unrichtig. — Es dürste gewiß nur wünschenswerth sein, wenn das jüdische Publikum sich die Ueberzeugung zu eigen machen könnte, daß die Herausgabe genannten Kalenders ein Privatunternehmen des Herrn Wertheim — eben so wünschenswerth aber, daß genannter Herr in seiner Eigenschaft als Secretair der jüdischen Gemeinde zu Berlin die gewiß nothwendige Vorsicht nicht außer Augen lasse, nicht die Hand zu bieten, Propaganda